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Pit-2001

unregistriert

1

Sonntag, 13. Februar 2011, 14:20

Zwänge beenden

Hab mal eine tiefergehende Frage an ALLE, und würde mich über viele Antworten freuen:


Ich denke, es herrscht allgemeines Übeeinstimmen, dass es nicht viel bringt, wenn uns von außen jemand gutmeinend, aber leider ohne Ahnung, drängen will, die Zwäng aufzuhören. Oft geschieht dies zur falschen Zeit am falschen Ort und noch öfter werden die Zwänge dadurch nur noch mehr.

WIR aber, wissen doch im innersten, (?ist das bei euch auch so?) was wir bräuchten. Natürlich die saubere Ausführung des Zwangs, der uns aber oft auch selbst nervt, so sehr, dass wir (?ist das bei euch auch so?) es schon gern hätten, wenn da mal jemand käme, der uns hilft, einfach einen Strich in einer Sache zu machen (ist das bei euch auch so?).

Schön und gut, aber der müsste dann eine Menge wissen. Ich wüsste ganz genau, wie es einer bei mir anstellen müsste, dass die Wiederholungen aufhören, dass ich es aushalten würde, könnte und wollte und müsste, weil er dazwischen steht. ABER sobald ich dem Gegenüber das erklären würde, was er alles tun müsste, würde das ganze die Kraft verlieren, die es hätte, wenn es aus ihm käme.

Kennt das jemand von euch? Würdet ihr euch auch vorstellen können, dass jemand eure Zwänge (ich meine nicht die ganze Zwangskrankheit, aber doch einzelne Zwänge) unterbrechen und beenden könnte, und dass das klappt, weil ihr die Art, wie er mit euch umgeht, akzeptieren könntet und den Kampf annehmen könntet, um den Sieg über Zwang XY zu erringen?

Ich kann mir das vorstellen, und ich wundere mich immer, dass keiner derer, die in meinen Zwänge einbezogen sind, mal selbst auf den Trüchter kam, nicht mal langjährige Therapeuten.

In Erwartung eurer Antwort

2

Sonntag, 13. Februar 2011, 15:16

Hi Pit :)

Also ich persönlich finde es schwierig, eine Unterstützung zu leisten, wenn man nicht darüber ausgiebig spricht und man nicht weiß, was der Betroffene seiner Meinung nach braucht.

Als Außenstehender ist es schwer den Zwang allein zu verstehen, weil wir zwar auch Rituale und aufdringliche Gedanken haben, aber wir können diese auch Verändern oder die Gedanken von uns schieben, als wären sie nie da gewesen.

Das ist ja leider das Problem. Wär nie so etwas durchgemacht hat, kann vielleicht die Grundkenntnisse verstehen lernen, aber nie die Gefühle nachempfinden, die euch Tag ein Tag aus belasten. Oftmals machen sich die Menschen aber auch gar nicht die Mühe sich tiefer in die Materie hineinzuversetzen.

Daher ist es zum Teil schwer zudem noch zu erkennen was der Betroffene wirklich braucht. Klar, es gibt Verhaltenshinweise für Angehörige (ermutigen, Sich selber dem Zwang nicht unterordnen lassen, bei der Konfrontation mit den ängsten da bleiben und mut machen, weil der Betroffene bei den Konfrontationen lernt seine Ängste auszuhalten, gemeinsame Aktivitäten zum ausgleich machen, etc etc...)aber Betroffene sind doch keine Maschinen. Nicht jeder braucht dieses Verhalten im gleichen maße...vllt fühlen sich einige dadurch wieder bedrängt.

Deshalb finde ich es an sich wichtig, dass man einmal den Angehörigen ein wenig vermittelt, wo man am liebsten Grenzen gesetzt bekommen würde. Oder was einem in welchen Situationen schwer fällt und welche Hilfe man dann bräuchte. vorallem brauchen angehörige Rückmeldungen über die Gefühle des Betroffenen, denn sie können nicht in den Menschen hineinsehen.

Wie gesagt. Noch so viele Bücher können nur einen Einblick in die Materie geben, aber wie es in dem Betroffenen genau aussieht und was er genau durchmacht ist zu individuell, als dass man 1 zu 1 weiß wie man sich als Angehöriger verhalten soll...

Wenn der Betroffene weiß, was er braucht, sollte er versuchen die Angehörigen wenigstens in die richtige Richtung zu schupsen...Ansonsten können Angehörige nur experimentieren....

Letztendlich wird allen Angehörigen in der Theorie bewusst gemacht, dass eine Verhaltenstherapie nötig ist...Eine Konfrontation mit den Ängsten, die man aushalten soll, bis der Betroffene merkt, dass die Angst von alleine wieder absinkt, ohne das Verhalten ausüben zu müssen....und irgendwann man sich an die Angstauslösenden Situationen gewöhnt.....soviel zur THEORIE

Was ich persönlich sinnvoll empfinde ist eine Art codewort. Ein kleines Zeichen für den Angehörigen, wann er eingreifen darf und wann eher nicht, weil es den Druck nur noch erhöht. Denn mit Zwang von außen den Zwang zu besiegen, funktioniert nicht.
Mit diesem Code oder Zeichen könnte man vllt den "falschen Ort" wie du sagtest vermeiden. Wie diejenigen dann aber reagieren ist ihnen überlassen...

Aber sage ihnen dringend mal außerhalb des Zwangs, welche Verhaltensweisen NICHT hilfreich sind. und welche vielleicht schon eher eine Hilfe waren.

Wir sind auch auf euer Feedback angewiesen ;)

Pit-2001

unregistriert

3

Sonntag, 13. Februar 2011, 21:20

In meinem Fall ist es so, dass ich Fragenden gern erklären würde, auf was es ankommt, vor allem, wenn sie nicht nur eine Schnellauskunft wollen, sondern sich hineindenken.

Aber ich habe festgestellt, dass die meisten das nicht interessiert, lieber helfen sie treu brav bei den Zwängen (was anständig ist, aber nicht weiterführend) oder andere entfernen sich und mit der Freundschaft wars das gewesen, denn Freund mit einem sein, der sich ohne Worte in der Not entfernt, geht ja nie mehr, außer er ändert das.

Der Satz: Angehörige sollten sich nicht in die Zwänge hineinziehen lassen ist aus meiner Sicht heraus, ein Horrorsatz.

Aus meiner Sicht, meinen Problemen heraus sollte er heißen:

Angehörige sollten helfen, aber sich auch mit dem Betroffenen Gedanken machen,
wie sie statt zu Marionetten zu echten Helfern werden können. Obiger Lehrbuchsatz hat ja insofern recht, wenn er nicht will, dass der Zwangskranke alle Helfer auf Dauer wie Marionetten benutzt. Ich sage auf Dauer, weil am Anfang eine Abfuhr zu erleiden, in meinem Fall das verstärkt, was für die Zwänge verantwortlich ist, das Gefühl ausgestoßen und allein zu sein, auf sich und seine Mechanismen angewiesen, die offensichtlich noch perfekter werden müssen, um endlich Anklag zu finden. Mit so einem Lehrbuchverhalten könnte man also auch Zwänge verstärken. Zumal sich alle Angehörigen klar sein müssen, sie sind nicht die Therapeuten, die eine Verhaltenstherapie und die Folgen durchführen können.

Oder sie werden zu Spezialisten, weil sie den Zwängler wirlich kennenlernen, um so mehr sie einen wirklich kennen, um so mehr ließe man auch zu, dass sie Grenzen setzen. Kein Zwängler behaupte ich jetzt mal, lässt zu, dass ein anderer Grenzen setzt, der gar nicht weiß, was im Zwängler vorgeht. Für die spitzfindigen Zwangsgedanken sind solche einfach nur "blöd", nicht vertrauenswürdig, und sie handeln nach dem Motto "alles muss man allein machen" und zwängeln weiter.

Verhaltenstherapie also bei Therapeuten machen, die einen auch auffangen können, nicht von Angehörigen durchführen lassen, nur weils irgendwo so steht.
Außer, die Angehörigen lernen einen wirklich verstehen und wenden Intelligenz, Wissen, Härte mit flexibler Liebe an. Das wäre mein Konzept.

Aber viell. schreib ich hier für die Katz, berühre nur mein eigenes Problem ???

Pit

4

Sonntag, 13. Februar 2011, 22:01

genau das meinte ich Pit :)

Es ist schwer für einen nicht-Zwängler sich in die Situation genau hinein zu versetzen.
Diejenigen die es dennoch versuchen und nicht der Bequemlichkeit erliegen (Denn leider Gottes geben Menschen schnell auf und suchen sich den Weg des geringsten Widerstandes...wär ja zu anstrengend etwas dazu zu lernen und somit sich in die Probleme anderer versetzen zu können. Ist doch viel stressfreier sie einfach alleine stehen zu lassen), bekommen viele tolle Bücher zu lesen, die in der Theorie ganz logisch klingen, aber in der Praxis einfach nicht so umzusetzen sind!!!!

Angehörige und Außenstehende dürfen sich nicht nur auf diese Bücher verlassen. sie müssen wie du schon sagtest den Menschen hinter dem Zwang kennenlernen.

Sie benötigen Wissen über das Tempo in dem man helfen darf um einerseits den Betroffenen nicht unter Druck zu setzen, andererseits ihm aber auch nicht das Gefühl zu geben ihm mit seinem Zwang im Stich zu lassen.

Deine Angst bezüglich : "um so mehr ließe man auch zu, dass sie Grenzen setzen. Kein Zwängler behaupte ich jetzt mal, lässt zu, dass ein anderer Grenzen setzt" habe ich ehrlich gesagt gar nicht bedacht gehabt. :lol:

Ich muss dazu aber auch sagen, dass ich davon ausgegangen bin, das ALLES vorher gemeinsam abgesprochen wird. Das kann leider Gottes in Endlosdiskussionen enden, ohne das man wirklich handelt, aber ich bin so ein Verfechter der Kommunikation.

Die Experten für eure Zwänge seid ihr allein. Ihr entscheidet das Tempo, wie stark Angehörige involviert werden und wann und wie sie euch unterstützen dürfen. Wir sind auf euch angewiesen. Nur durch eure Rückmeldungen ist es uns möglich zu erfahren, wie und wo wir hilfreich waren und was ihr absolut nicht wolltet, bzw. ertragen habt.

Ihr seid so gesehen der Hauptdarsteller, Regisseur und Autor in einem. Und wir benötigen eure Führung, denn nur so sind wir weder Marionette eures Zwanges, noch Puppenspieler für euch.

Denk daran,wir lernen von euch :)

ps. sag mir bitte nicht, dass ich eine der wenigen bin, die sich mit dem Thema beschäftigen? O.o weil dann muss ich der Gesellschaft echt mal in den Arsch treten :D

5

Montag, 14. Februar 2011, 06:24

Hi ihr beiden

ich denke, ich verstehe zwar, worauf du hinauswillst, allerdings halte ich die Umsetzung in der Praxis für nahezu unmöglich, zumindest in dem Rahmen, den du vermutlich? im Blick hast.

Es mag zwar nicht jeder zwangskrank sein oder ein anderes, offensichtliches Problem, was jedoch nicht bedeutet, dass die anderen keine Probleme hätten. Jene, wo es von außen so scheint, als hätten sie keine, verdrängen oft nur sehr gut .... und von Menschen, die schon ihre eigenen Probleme verdrängen, kann man auch nicht annehmen, dass sie sich mit der Komplexität der Probleme von anderen auseinandersetzen.

Die wenigsten Menschen sind wirklich klar und selbstreflektiert, egal, ob nun vordergründig als gesund oder als krank geltend.

Die meisten (Paar)beziehungen basieren auf Abhängigkeiten und Bedürfniserfüllung und Zweckgemeinschaften, auf die eine oder andere Weise.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das, was du schreibst, in einer Paarbeziehung funktionieren könnte, würde voraus setzen, dass beide gleichermaßen selbst-reflektiert sind, was grade beim nicht-zwangskranken Part vermutlich nicht der Fall sein wird, denn krank ist ja schließlich der andere (Projektionen).

Wenn man ein sehr, sehr gutes Verhältnis zur Blutsfamilie hätte, Eltern, Geschwister, würde es vll eher funktionieren, Blutsbande bestehen ein Leben lang und durch die Verwandtschft ist von vornherein mehr Nähe gegeben als mit fremden, die man erst später kennenlernt.

Viele Zwängler haben jedoch auch mit und durch ihre Herkunftsfamilie Probleme entwickelt bzw mit ihren Verwandten Probleme ....

Freundschaften sind gut, solange eine gewisse Distanz bleibt, die nicht so eine Verstrickung beinhaltet wie Paarbeziehungen => würde dann auch wieder dafür sprechen, dass es nicht funktioniert bzw die sich nicht so sehr mit den Problemen des Zwänglers befassen, wozu auch?

Ich glaube nicht, dass irgendjemand von außen die Zwänge langfristig unterbinden/beenden könnte, wie du das mit dem Strich geschrieben hast.

Nur man selbst kann es ändern, indem man selbst lernt Grenzen zu setzen und so die Notwendigkeit, dem Zwang nachzugeben, bzw das Aufflammen des Zwanges verringert wird.

Dazu gehört dann auch, dass man in der Lage ist, wenn andere die persönlichen Grenzen verletzen, Konsequenzen zu ziehen, anstatt dem Zwang nachzugeben.

Wie Kiri schon schrieb, von außen betrachtet, ohne selbst Ähnliches erlebt zu haben, ist es schwer zu verstehen, wie es wirklich ist für denjenigen.

Zum Thema fremde regeln oder gutgemeinte Ratschläge ... die bekommt man teils nicht nur von gesunden, sondern auch von anderen kranken. Es wirkt dann zwar so, als wolten sie ja nur helfen, andererseits akzeptieren sie oft auch nicht, wenn man sagt nein, das will man nicht, dann heisst es, man würde nicht gesund werden wollen oder man könnte dies oder jenes doch mal versuchen. Das ist dann auch wieder eine Grenzverletzung, zumal, wenn eine andere Person das nicht nur einmal, sondern mehrfach tut. Man weiß selbst am besten, was man durch- und erlebt hat und ob man jenes oder dieses nochmal versuchen will, vor allem, wenn man seit Jahren chronisch krank ist. Ich denke, das Problem ist, dass viele Menschen eben meinen, sie wüßten bescheid, wenn man dann irgendwann so genervt ist, dass man begründet, warum man dieses oder jenes nicht will, sind sie teils so geschockt, dass sie sich nicht mehr melden, zumindest hat man dann seine Ruhe.

Ich denke, für einen selbst ist es am besten, zu überlegen, was für einen wichtig und wesentlich ist und wo die eigenen Grenzen sind und darauf dann zu achten, dass andere die respektiren, so wie man auch die Grenzen der anderen respektieren sollte. Das hat jetzt primär nix mit krank oder gesund zu tun, sondern mit einer Lebenseinstellung. Auf der Basis kann man dann sehen, inwieweit Kompromisse gefunden werden können oder nicht.

Viele Grüße, Hermit.
Das Leben als solches ist absolut lebensgefährlich und führt mit 100%iger Wahrscheinlichkeit zum physischen Tod.

Lesen -> Denken -> Schreiben

~T~R~ O - o - O ~ L

6

Montag, 14. Februar 2011, 08:07

Zitat

Aber viell. schreib ich hier für die Katz, berühre nur mein eigenes Problem ???


Mit Sicherheit nicht. Dieses Thema geht eigentlich jeden der Gruppen Betroffene und Angehörige an.

Ich selber habe leider eine ganze Zeit lang bei der ausführung meiner Zwangshandlungen helfen lassen von meiner Ex-Freundin und erst die Tragweite begriffen als ich erstmals eine Verhaltenstherapie besuchte.

Ich selber bin daraufhin dazu übergegangen wichtige Menschen, mit denen ich viel zu tun habe und denen ich traue über meine Probleme zu informieren und habe direkt klar gemacht, dass man mir keinesfalls bei Zwängen helfen darf.
Egal wie verzweifelt ich einmal sein mag. Das hilft mir selber auch recht gut gar nicht erst in Versuchung zu kommen um "Hilfe" zu bitten.


Angehörige können mir eher nur indirekt helfen. Rückhalt und Ablenkung bieten. Mich darin bestärken eine wertvolle Person und geliebt zu sein. Das ist schon sehr viel wert.

Pit-2001

unregistriert

7

Montag, 14. Februar 2011, 09:30

Danke für die Beiträge,

mal was provokatives, um das besser zu verstehen.

Wenn jemand einen Duschzwang hat, z. b. und er würde sich mal vorstellen, die Dusche wäre sein Arbeitskollege, den er jedesmal, wenn er mehr als gewöhnlich duscht bitten müsste, weiter duschen zu dürfen, dann merkt man, dass man ganz schön von anderen abhängig wäre, wäre der Gegenstand eine Person.

Wäre das Sagrotan eine Person, die sich verweigern würde, wärs ähnlich.

Also auch die, die meinen keine anderen Menschen einbeziehen zu müssen, aber anderweitig zwängeln, würden andere einbeziehen, wenn die gleiche Angst, wegen der sie duschen oder säubern, usw. auf eine Person bezogen wäre, wenn sie die Person genauso bräuchten, wie das Duschwasser oder das Desinfektionsmittel.
Ich brauche all solche Hilfsmittel nicht, aber meine Angst setzt sich direkt auf Personen, die mich dann durch ihre Antwort quasi "säubern". Dann stellt euch mal vor, ihr hättet vor jedem Abwischen, duschen, putzen, eine Riesendiskussion mit einer Person, die sich verweigert oder auch nicht, dann versteht ihr die Eingangsfrage vielleicht besser. :-) - So aber benutzen viele wohl ihr Hilfsmittel und meinen, sie sind ja von Personen unabhängig. Klar, weil das Sagrotan nicht reden kann und sich verweigern kann.

Pit

8

Montag, 14. Februar 2011, 10:18

Ok

Pit du hast recht. Zwängler, die mithilfe von Gegenständen zwängeln müssen an sich keine Zurückweisung oder Eingriffe befürchten. Er kann selber entscheiden wie lange er duscht oder Gegenstände kontrolliert oder ähnliches.

Zwänge, die jedoch mit Personen aus dem Umfeld zu tun haben sind wesentlich komplizierter, weil man die anderen ja benötigt um de Drang etwas zu lindern. Für Angehörige bedeutet es ja nicht, dass sie sich sofort verweigern sollen und wie du in etwa sagtest: sich verweigern und endlos diskutieren, was eine Dusche niemals tun würde.

Das ist aber in etwa das was ich meinte. Wenn man als außenstehende Person dennoch mitten im Zwang steht und ein wesentlicher Bestandteil ist, dann ist es wichtig seine eigene Funktion in diesem System zu verstehen. Als Angehörigen oder Außenstehenden ist die eigene Funktion im Zwang eigentlich nie vollkommen bewusst, weil wir wie durch ein Milchglas das ganze betrachten. Wir sehen zwar den Zwang schemenhaft, aber wir wissen nicht inwieweit unsere Aufgabe darin besteht. Wir sehen nicht klar, weil wir uns an sich nicht beteiligt führen.
Wie schon erwähnt: ein Angehöriger verdrängt dass er Teil des Systems ist. Er denkt sich meist bewusst oder unbewusst "Es ist ja nicht mein Zwang". Dies ist jedoch Falsch.

Ein Dusche muss sich nicht darum kümmern ob sie am Zwang beteiligt ist. Sie ist ein gefühlloser Gegenstand, den man benutzen kann wie man lustig ist. Man muss ihr nicht zu verstehen geben inwieweit sie in den Zwang involviert ist, denn sie ist so oder so immer da und steht zur verfügung.

Einen Außenstehenden kann man nicht einfach so benutzen. Er macht sich Gedanken und hat Gefühle. Dennoch sieht er seine eigene Rolle im Zwang nur Schemenhaft. Der Angehörige muss verstehen was seine Rolle ist. Dazu benötigen wir den Betroffenen, der es uns erklärt, denn sonst schieben wir die Verantwortung wieder von uns weg und erkennen es nicht als auch unser "Problem" an. Dies muss man verhindern! Man muss den Angehörigen ihre Verantwortung bewusst machen.

Erst wenn die Funktionalität des Zwangs und aller Beteiligten in dem System "Zwang" geklärt ist, kann man gemeinsam besprechen wie es weiter gehen soll.

Bei einer Dusche trägt man als Zwängler alleine die Verantwortung wann und inwieweit man duscht oder eben nicht. Bei Menschen muss man kommunizieren, da jeder eine gewisse Verantwortung trägt. Hier MUSS man gemeinsam Kompromisse schließen oder zumindest kommunizieren um Missverständnisse aufzudecken. Eine Dusche hat einen immer gleich lieb, bei Menschen ist es manchmal schwierig zu unterscheiden, gegen wen nun die Wut oder Verzweiflung gerichtet ist...Diese Missverständnisse müssen geklärt werden! Es muss gemeinsam gearbeitet werden. Und man muss als Angehöriger verstehen und respektieren, dass der Betroffene das Tempo angibt.

Oje...viele gute Nerven und Durchhaltevermögen sind von Nöten. :/

Ich wünsche gutes gelingen >_<

Pit-2001

unregistriert

9

Montag, 14. Februar 2011, 16:33

Hi Kiri du schreibst ja schon wie ein Profi :-)

Hast du dich in kurzer Zeit schon so tief in das Gebiet eingearbeitet? :-)

Ja, mein großes Anliegen ist, dass Angehörige wie auch Bekannte eines Zwänglers, der auf Menschen angewiesen ist, nicht einfach den therapeutischen Leitsatz der Verhaltenstherapie übernehnmen: Zwänglern hat man nicht beizustehen. Ich weiß, dass das früher nur für Therapeuten galt, sich aber wie Gangrän immer mehr herumgesprochen hat. Ist ja auch praktisch für die Normalos:-)))))))))) Früher hieß es immer, dass das nur so sein sollte, wenn Therapeut und Betroffener einen Vertrag machen und etwas einüben wollen. Ich las einmal, wenn Außenstehende das übernehmen, könnte es sein, dass der Zwängler so geschockt wird, dass er sich nie mehr auf Verhaltenstherapie einlässt. Und es gibt noch ne Menge anderer Schocks, davon schreibe ich in dem Buch ja ne Menge.

Aber erstens ist dieser Satz etwas für Therapeuten, die gerade dann wenn der Zwängler dadurch umfällt, da sind, das sind Freunde und Angehörige, die einen in Zwangsnot hängen lassen nicht, sie können dann nicht therapeutsich helfen.

In dem Fall sollten Menschen lernen, wo es wirklich hängt, dann können sie auch selbstbewusst, liebevoll und mit begrenzender Härte eingreifen (etwas, was der Zwängler oft sucht, aber nirgends findet, weil seine Zweifel ausgeklügelter sind, als die Selbstlbewusstheit des evtl. Helfenden) Wenn Außenstehende es tun,bevor sie Wissende sind, ist es, als wenn ich als Nichtphysiker in Einsteinsche Rechnungen eingreifen würde. Ja, genau so wäre es und so spür ich es immer.

Da aber nicht alle so tief in der Materie vorankommen, dass sie wirklich therapeutisch helfen können, bleibt das Gespräch um einen Kompromiss, der
beide Seiten leben lässt. Natürlich verstehe ich Außenstehende, dass sie selbst einen Kompromiss nur dann länger mitmachen, wenn sie wissen, der Betroffene bemüht sich nach allen Kräften gegen die Zwänge zu arbeiten.

So jetzt hab ich mich aber angestrengt für deine Arbeit. Sind sehr wichtigte Sätze aus meiner Sicht.

Pit

10

Montag, 14. Februar 2011, 16:56

Zuerst möchte ich anmerken, dass selbst bei Duschzwang diverse Probleme mit den Angehörigen entstehen, dazu gibt es hier im Forum genug Beispiele und Beiträge, so wie du das schreibst, klingt es, als hätten Menschen mit so einem Zwang es viel einfacher, dem Zwang nachzugeben, weil ja keine Personen involviert wären. Was so nicht stimmt! Das Duschen müssen ist nur die Spitze vom Eisberg, davor gibt es zig Situationen, die alle mehr oder weniger in direktem Zusammenhang mit Personen stehen. Grade auch bei Waschzwang/Ekel ist oft auch eine Fragezwang und Kontrollzwang Komponente enthalten. Solang so ein Zwängler nicht total isoliert in einer Quarantänekammer lebt (übertrieben gesagt) ist er permanent mit seinem Zwang bzw dem, was den Zwang auslöst, konfrontiert. Nur haben die meisten Waschzwängler noch so viel Selbstkontrolle, dass sie nun nicht unbedingt permanent sämtliche Personen im Umfeld da mit hineinziehen; was sich auch nicht umsetzen läßt. zB ist es kaum denkbar, beim Einkaufen erstmal zu verlangen, dass die Kassierer sich die Hände reinigen, zwischen den einzelnen Kunden etc etc etc.

Man kann im privaten Bereich sicher versuchen gewisse Regeln aufzustellen bzw darum zu bitten, jedoch gibt es auch da immer wieder Menschen, die das nicht akzeptieren wollen und meinen,es gelten nur ihre eigenen Regeln, sogar dann noch, wenn es hygienische Grundregeln sind, die nicht primär in Zusammenhang mit Waschzwang stehen. zB die deutsche Angewohnheit mti Straßenschuhen auch in Wohnungen herumzulaufen ... Handwerker zB sind in der Regel nicht bereit, ihre Schuhe auszuziehen, folglich entsteht wieder ein neuer Konflikt, der entweder neue Zusammenbrüche hervorrufen kann, oder zu einer neuen Ausweichlösung führt, die anderen zwar auch auffällt und die diese komisch finden mögen, aber, wogegen sie nichts tun können.

Grüße, Hermit.
Das Leben als solches ist absolut lebensgefährlich und führt mit 100%iger Wahrscheinlichkeit zum physischen Tod.

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~T~R~ O - o - O ~ L

Pit-2001

unregistriert

11

Montag, 14. Februar 2011, 22:12

Gut, Hermit, dass du das aus Sicht der sicher weiter verbreiteten Zwänge wie meiner noch mal aus dieser Sicht schilderst.
Grüße Pit

12

Montag, 14. Februar 2011, 23:02

Hi Hermit :)

natürlich habe ich auch bedacht, dass auch bei Zwängen wie Duschzwang, Putzzwang oder ähnlichen, die Menschen im Umfeld beteiligt sind und darunter leiden. Ich wollte nur nochmal im Übertriebenen Sinne bewusst machen, dass falls man der letzte Überlebende auf der Erde wäre, diese Zwänge dennoch ausführbar wären.

Bei Zwängen, die ohne Angehörige oder Mitmenschen jedoch nicht ausführbar wären, z.B. eine art Fragezwang, bei der man sich immer vergewissern muss, ob man auch wirklich nichts falsch gemacht hat oder ob auch wirklich alles ok und normal ist, sieht das jedoch anders aus und wäre eine absolute Katastrophe.

Diesen Unterschied wollte ich nur wirklich sehr übertrieben darstellen und die Relevanz der Rolle für Angehörige aufzeigen, weil sie besonders hier sich ihrer Funktion für den Betroffenen klar werden müssen und nicht einfach die Verantwortung von sich weisen dürfen.

Natürlich gilt dies auch bei jeder Form des Zwanges, denn jede Form des menschlichen Zusammenlebens ist auch eine Form der Interaktion und gegenseitigen Reaktion aufeinander.


Achja...und Pit? ächem....ich stecke jetzt vielleicht so 2 Monate in der materie drin :krank: das gute bei mir ist nur, ich bin schon immer einer der Menschen gewesen die hinterfragen...Leider kommt dies nur dann richtig heraus, wenn ich frei und ohne Muss schreiben kann. Dieses Forum bietet mir dafür viele Möglichkeiten um meinen Blick noch weiter zu schärfen :)))))

Privat habe ich aber immernoch Angst davor, dem Thema in der Arbeit nicht ausreichend gerecht zu werden....Vor allem da sie nur ca. 30 seiten haben darf....der Platzmangel meiner Ideen in der Arbeit ist mein größtes Problem :wand:

13

Dienstag, 15. Februar 2011, 20:40

Hi Kiri

ich finde es gut, dass du so engagiert bist und auf die Problematik aufmerksam machen willst. Das Problem, dass psychisch Kranke im Bezug auf die gesellschaftliche Akzeptanz haben, hängt auch damit zusammen, dass einem als Betroffener einfach die Kraft fehlt, auch noch für die Rechte zu kämpfen, deshalb haben psychisch Kranke keine Lobby, so wie zB körperlich Behinderte. Hinzu kommt natürlich auch noch, dass, wie es auch in anderen Forumsbeitragen schon erwähnt wurde, Gewaltverbrecher eben auch als psychisch krank bezeichnet werden, wobei die zig Millionen psychisch Kranke in Deutschland wohl kaum zu Verbrechern werden.

Leider befassen sich jedoch die wenigsten mit den Unterschieden.

Ich denke, jedes Symptom ist variabel und so würde auch ein Fragezwang sich abwandeln oder eine skurrile Form annehmen; zumal oft nicht nur ein Zwangssymptom vorliegt, auch wenn nicht alle gleichermaßen sichtbar sind.

Viele Grüße, Hermit.
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Pit-2001

unregistriert

14

Mittwoch, 16. Februar 2011, 00:28

Sehr richtig Hermit,

würde ein psychisch Kranker für seine Rechte kämpfen, hieße es sofort:

Hey Sie, jetzt reagieren Sie schon wieder so krank, merken Sie nicht, sie sind psychisch krank, sie sollten mal ...... usw.

:wand:

und dann noch das mit den Verbrechern,

das wars dann.

In diesem Sinne: :tocktock:

Pit

15

Mittwoch, 16. Februar 2011, 16:31

Oder wenn jemand doch die Kraft finden würde, dafür zu kämpfen, hieße es dann womöglich, 'ach, der/die ist ja gar nicht wirklich krank ....' :wand:

Viele Grüße, Hermit.
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Pit-2001

unregistriert

16

Mittwoch, 16. Februar 2011, 22:08

Genau, statt ihn zu loben, dass er trotz dieses Drachen, den er im Genick hat, die Zwangskrankheit, so stark ist, noch dies und das zu können, kriegt er eine drauf.

Nehmen wir mal eine Person im Rollstuhl, die trotz einer Querschnittslähmung vielleicht irgendwelche Übungen erlernt hat, die ihn weit über den Durchschnitt bringen, so dass er sich manches machen kann, was man normal mit dem Leiden nicht mehr kann, der kommt womöglich sogar in die Zeitung als Beispiel wie toll er ist und es gehört sich ja auch so, ist schlimm genug, wenn man querschnittgelähmt ist, da ist jedes Lob gut,

aber wir kriegen kein Lob, sondern nur "Prügel", Unglauben und schiefe Blicke, selbst wenn einer von uns sonstwas leistet nebenbei.

:lol:

Pit

17

Mittwoch, 16. Februar 2011, 22:50

damit hast du leider recht :(
Das Leben als solches ist absolut lebensgefährlich und führt mit 100%iger Wahrscheinlichkeit zum physischen Tod.

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