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Sonntag, 7. Oktober 2012, 17:40

Angst davor ohne die Zwänge zu leben

Hallo zusammen,

ich weiß nicht genau wie ich hier anfangen soll zu schreiben.... Ich bin 25 und leide seit ca. 12 Jahren unter Zwängen.

Bin
grade an so einem Punkt wo ich endlich etwas mehr für mich tun möchte,
habe es geschafft aus einer schwieirgen Beziehung rauszukommen und bin
umgezogen und möchte jetzt auch gerne mein Zwänge in den Griff bekommen.

Eigentlich
weiß bisher niemand davon. Meiner Freundin habe ich mal erzählt wie es
ist ständig zu versuchen die Zahl "drei" zu umgehen oder das ich vor dem
schlafen gehen ständig die Türen und Wände in einer gewissen
Reihenfolge anfassen muss. Aber es ist natürlich schwer so etwas
nachzuvollziehen. Und als ich das mal bei meiner Hausärztin erwähnte hat
sie mich auch nicht wirklich ernst genommen.

Ich weiß jetzt
einfach nicht genau wo ich anfangen soll mir Hilfe zu suchen. Ich will
so nicht mehr leben. ich möchte einfach abends ganz normal ins Bett
gehen, ich möchte nicht mehr bestimmt Sachen nicht machen können aus
Angst davor das mir was passiert oder jemand anderes krank wird und so
weiter.

Andererseits habe ich auch eine Riesenangst davor ohne
die Zwänge zu leben. Wie kann ich mich sonst vor bestimmten Sachen
absichern?

Ich verzweifel langsam und möchte nur das mich jemand versteht!

Es war schon eine Riesenüberwindung mich hier anzumelden, weil die Zwänge es mir eigentlich nicht erlauben darüber zu sprechen.

Ging es oder geht es euch auch so, dass ihr Angst davor habt ohne die Zwänge zu leben obewohl ihr es euch so sehr wünscht?

Ich hoffe der text war nicht zu lang und zu durcheinander....

LG Meli

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Sonntag, 7. Oktober 2012, 18:22

hallo meli,
glückwunsch, daß du hierhergefunden und dein problem beschrieben hast! dann hast du ja sicher auch schon gemerkt, daß du beileibe nicht alleine damit bist! ich als mutter einer zwangskranken tochter (16) kann dir sagen, daß ich das sehr gut kenne: meine tochter leidet sehr an den einschränkungen, die ihr ihre krankheit auferlegt. und gleichzeitig hat sie eine heidenangst davor, ihre zwänge "loszulassen". denn die haben ja, wie bei dir auch den "zweck", mögliches" unheil" zu verhindern. das nennt man auch "magisches denken". fakt ist aber, daß eure rituale KEINE "absicherung" darstellen. ihr könnt den lauf der dinge nicht dadurch bestimmen. schön wärs. dann könnte ja jeder von uns ein bißchen gott spielen.
spaß beiseite! wenn du so unter diesen ritualen leidest, wie du es beschreibst, dann solltest du auf jeden fall fachärztliche hilfe in anspruch nehmen! wenn deine hausärztin dich nicht ernst genug nimmt(find ich ja schlimm!), such dir selber einen psychiater.
der kann dir mit medikamenten helfen und dich bei der suche nach einem geeigneten therapeuten unterstützen.
warte nicht mehr zu lange, bis du was unternimmst; die krankheit neigt dazu, einerseits schlimmer zu werden, wenn man sie nicht behandelt, andererseits chronisch; d.h. dann wird es schwierig, sie noch in den griff zu kriegen.
weiß denn deine familie von deinem problem? arbeitgeber, partner ect.?
gehe in die offensive, je länger du das versteckst, desto schwieriger wird hinterher die behandlung!
und überwinde unbedingt deine "schamschwelle"! da gibt es keinen grund, sich zu schämen. das ist eine ernstzunehmende erkrankung, die man NICHT ALLEINE in den griff kriegt!
alles gute und viel kraft,
katja

3

Sonntag, 7. Oktober 2012, 18:56

Liebe Katja,

danke für deine schnelle Antwort.

Es tut erstmal schon so gut zu merken, dass man nicht alleine damit ist und es Menschen gibt die einen Ernst nehmen.

Mit meiner Familie habe ich bisher nicht geprochen. Habe immer Angst gehabt, dass meine Eltern sich dann die Schuld geben, also das sie denken sie hätten was in der Erziehung falsch gemacht oder so und ich möchte sie nicht mit sowas belasten. Ich bin jedoch kurz davor mich meiner Mama anzuvertrauen. Andererseits habe ich auch Angst es anzusprechen, weil wenn ich es gesagt habe dann muss ich mich auch wirklich damit beschäftigen. Also meine Mama wird mich dann auf jeden Fall unterstützen und dann gibt es kein zurück mehr....

Jake_Sully

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Zwangssymptome: Angst vor Schmutz/Parasiten

Medikament / Dosis: Fluoxetin

Aktueller Therapie-Status: war schon mal in Therapie

Status: Betroffene/r

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4

Dienstag, 9. Oktober 2012, 05:39


... eine heidenangst davor, ihre zwänge "loszulassen". denn die haben ja, wie bei dir auch den "zweck", mögliches" unheil" zu verhindern. das nennt man auch "magisches denken". fakt ist aber, daß eure rituale KEINE "absicherung" darstellen. ihr könnt den lauf der dinge nicht dadurch bestimmen ...

Na-ja, auf die eigene Person bezogen könnte magisches-denken evtl. manchmal ähnlich wie eine "selbsterfüllende Prophezeihung" funktionieren. Beispiel: Heute gehe ich barfuß ins Bett, deshalb werde keine schlechten Träume haben ...
Und ich hab ein paar Zwangshandlungen, die eigentlich nur übertriebene Vorsichtigkeit/Pingeligkeit sind und irgendwie zu meiner Persönlichkeit gehören. Als junger Mann war ich kerngesund, aber auch vor der Krankheit hab ich ungern den Mülleimer an der Tonne geleert.

5

Dienstag, 9. Oktober 2012, 19:38

hallo jake sully,
sowas meine ich natürlich nicht. die auswirkung deines handelns bezieht sich (in deinem beispiel) ja nur auf dich selbst; das könnte man als eine form der autosuggestion betrachten, und das kann ja sogar hilfreich sein.
schwierg wirds erst, wenn
- das nicht so funktioniert wie gehofft( d.h. du gehst barfuß ins bett und hast trotzdem schlechte träume. das könnte dann beim zwangskranken dazu führen, daß er nur noch mit socken ins bett gehen kann. und dann im weiteren verlauf seiner krankengeschichte vielleicht bis zum skianzug gelangt :) )
-wenn, wie in unserem fall (und das habe ich bei meli auch so verstanden) durch rituelle handlungen unheil VON ANDEREN abgewendet werden soll. und noch schlimmer, wenn, wie bei meiner tochter, ihre rituale nicht nur unmittelbar JETZT greifen sollen, sondern so gemeint sind, daß z.b. uns, ihren eltern, sicher auch in ferner zukunft schlimmes zustoßen wird, wenn sie dieses verhalten unterläßt.
deshalb ist bei ihr ein konfrontationsansatz auch so schwierig, denn man kann ihr nicht sagen: guck mal, jetzt hast du keine rituale ausgeführt, die angst ausgehalten und NICHTS ist passiert.
denn sie antwortet dir dann: ja, jetzt ist vielleicht nichts passiert, aber es WIRD noch passieren.
so übernimmt sie quasi im vorhinein für alles, was uns noch so zustoßen wird (und krank wird ja jeder mal, z.b.!) die "verantwortung":
hätte ich mehr/bessere/andere rituale gemacht, wäre das nicht passiert.
und das nenne ich "gott spielen". oder schicksal, wenn dus weniger gläubig haben willst.
das KANN nicht funktionieren. soviel kontrolle KANN kein mensch ausüben.
und daß er/sie das auch nicht MUSS; daß man auch mit weniger kontrolle, weniger absoluter sicherheit sein leben meistern kann.
daß zu große angst vor den unwägbarkeiten des lebens, verbunden mit zeitaufwändigen ritualen , unendlicher anstrengung und sozialer vereinsamung, dieses leben, das man ja so krampfhaft "schützen" will, nicht mehr lebenswert machen.
das ist die große, wünschenswerte erkenntnis, zu der zwangskranke finden sollte.
ist sauschwer, ich weiß. aber sich DAFÜR anzustrengen, lohnt sicher!
liebe grüße,
katja

markül

unregistriert

6

Mittwoch, 10. Oktober 2012, 15:09

Ich finde es ist eine gute Erkentniss das man feststellt, dass man ohne die Zwangsrituale und das Vermeidungsverhalten auf lange Sicht zunehmend mehr Lebensqualität erhält. Ich finde es sehr wichtig, sich dies immer wieder vor Augen führen, um gute Argumente zu haben vom Zwang loszukommen. Vieleicht hilft es auch sich einfach mal zu Überlegen, was wäre wenn ich den Zwang nicht hätte. Ich denke, so mehr Dinge man findet bei denen man vom Zwang eingeschränkt wird, desto stärker kann auch die Willenskraft werden vom Zwang abzulassen.

Wenn einem beim ändern seiner Verhaltensmuster sehr starke negative Gefühle begegnen ist es schwer diesen Kampf zu führen, wenn man keine guten Argumente hat warum man diesen Kampf eigentlich führt.

7

Dienstag, 23. Oktober 2012, 02:03

Hallo Meli,

ich war in einer ähnlichen Situation wie du und kann daher sehr gut nachempfinden, wie einen die Zwänge im Griff haben.
Ich bin 28 und leide unter den Zwängen seit ich ein Teenie war. Ich kann gar nicht mehr sagen, wann das genau angefangen hat, muss wohl so 13 oder 14 gewesen sein. Da hielt sich das aber noch extrem in Grenzen und beschränkte sich auf ganz wenige Sachen wie z.B. das Kontrollieren von Türen. Ist vielleicht so gekommen, weil ich extrem früh erwachsen werden und schon sehr früh viel Verantwortung übernehmen musste. Aber ob das wirklich ein Grund dafür ist, weiß ich auch nicht.

Mit den Jahren hat das immer mehr zugenommen und die Zwänge haben sich in alle Bereiche meines Lebens geschlichen. Für jede meiner Handlungen gab es einen Zwang. Mal gab es neue Zwänge, alte sind weggefallen oder erst zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgetaucht. Kurz gesagt mein Leben war die Hölle. Dann kamen auch noch Depressionen hinzu und ich wollte nur noch im Bett liegen und gar nichts mehr machen, um mich ja nicht mehr mit meinen Zwängen auseinander setzen zu müssen. Jede Handlung hat sich durch die Zwangshandlungen und Wiederholungen extrem in die Länge gezogen, so dass ich den ganzen Tag beschäftigt war, aber nichts mehr geschafft habe. Das Schlimme war, ich wusste genau wie unsinnig und schwachsinnig das alles war und wenn mein Kopf mir mal wieder gesagt hat, dass ich bestimmte Dinge jetzt tun muss hat mir mein Verstand aber genau im gleichen Moment gesagt wie sinnlos das doch eigentlich ist und dass ich jetzt viel lieber etwas anderes machen würde. So kam es dann, dass es sich bei mir immer phasenweise abgewechselt hat, dass ich entweder meine Zwänge ausleben musste oder halt tagelang im wahrsten Sinne des Wortes gar nichts gemacht habe. Dann ist im Haus wirklich alles liegen geblieben. Naja, man kann als Zwangskranker aber nicht aus seiner Haut. Nach all den Jahren als Zwangskranke hab ich mich natürlich auch charakterlich geändert. Leider zu meinem Nachteil.

Aber es gibt zum Glück auch Positives zu berichten. Mein Freund, mit dem ich seit 10 Jahren zusammen bin und mittlerweile auch seit 2,5 Jahren verheiratet, hat immer versucht mich soweit es ihm möglich war zu unterstützen. Er ist aber auch gleichzeitig der Einzige, der überhaupt etwas von meinem Problem weiß und an manchen Tagen ist er echt verzweifelt, weil er natürlich auch leidet und nicht das Leben führen kann, dass ihm normalerweise zusteht. So doof es dann aber klingt, in der Welt draußen funktioniere ich weitestgehend. Ich bin in all der Zeit immer arbeiten gewesen, hatte Hobbies und hab mich mit Freunden getroffen. Meine Zwangshandlungen spielen sich hauptsächlich da ab, wo ich für Sachen die Verantwortung trage, entweder weil sie mir gehören oder weil ich für sie zuständig bin, also innerhalb unseres Hauses oder meines Autos z.B.

Was ich damit sagen will, dass man Zwängen schlecht alleine begegnen kann, weil einem manchmal vielleicht gar nicht mehr auffällt, was noch "normales Verhalten" oder schon zwanghaftes Verhalten ist. Unterstützung von anderen ist wertvoll. Damit meine ich einmal ärztliche Hilfe von jemandem, der sich damit auskennt. Zum anderen aber auch jemanden, der hinter dir steht. Mein Hausarzt hat mich auch nicht ernst genommen und das Problem hat sich so lange verschlimmert, bis ich mir selbst einen Therapieplatz besorgt habe. Ich war 4 Jahre in Behandlung, zum Teil auch mit Medikamenten. Leider hat mich auch mein Psychotherapeut ein bisschen hängen gelassen und kein wirkliches Interesse daran gehabt mir zu helfen, was echt das absolut Schlimmste ist, was dann noch passieren kann. Auch wenn ich während der Therapie gedacht habe, dass das alles echt sinnlos und Zeitverschwendung ist, hab ich nach !!! der Therapie doch die Erkenntnis gewonnen, dass es so nicht weitergehen kann. Ich hatte so viele Ziele, die ich noch erreichen wollte und auch wenn mir die Zwänge vielleicht ein Gefühl von Sicherheit gegeben haben, so haben sich mich doch immer weiter von dem entfernt, was ich noch erreichen wollte. Und glücklich haben sie mich auch nicht gemacht. Seitdem geht es voran, in Zwergenschritten oder auch mal größeren, auch mit vielen Rückschritten, aber ich kämpfe jeden Tag dafür, dass es irgendwie weitergeht. Und dafür, dass es Zeiten gab, in denen ich gedacht habe, dass sich die Welt für mich nicht weiterdreht, hab ich schon einiges erreicht. 2010 hab ich mir meinen Lebenstraum verwirklicht und bin für einen Monat mit meinem Mann in die USA und nach Kanada geflogen und im gleichen Jahr haben wir uns ein Haus gekauft, von dem wir beide seit langem geträumt haben. Seit 3 Jahren haben wir einen kleinen Hund. Und glaub mir, anfangs war es für mich der größte Albtraum auch nur daran zu denken, dass es ein kleines eigenes Lebenwesen ist, das man nicht kontrollieren kann. Aber er ist mein kleiner Sonnenschein und macht meine Welt viel heller. Heute will ich ihn echt nicht mehr missen. Im Gegenteil. Wir haben die Familie sogar noch aufgestockt. Vor 5 Monaten bin ich Mutter geworden und bis jetzt läuft alles prima. Klar, es ist nicht alles Gold was glänzt. Im Haus gibt es noch vieles, was ich verbessern muss und ich kämpf mich Stück für Stück voran. Mit Kindern ist das Chaos eh vorprogrammiert. Je mehr ich mich mit dem Gedanken anfreunde, umso mehr kann ich die Zwänge auch loslassen. Trotzdem liegt noch ein ganzes Stück harte Arbeit vor mir. Aber bis jetzt kann ich sagen, dass meine Tochter immer Vorrang hat und nicht unter den Zwängen leidet und ich kämpf dafür, dass das auch so bleibt. Ich will die Zwänge auf jeden Fall auf ein Minimum einschränken und meine Tochter, mein Mann und mein Hund sind der größte Anreiz dafür. Ist nicht jeden Tag heiterer Sonnenschein, weil das für mich harte Arbeit und echt ein richtiger Kampf ist, aber wer sagt denn, dass das Leben einfach ist. ;) Geh es an Meli. Wenn du schon an dem Punkt bist, dass du dir über die Zwänge klar bist und dir ein Leben ohne wünscht, hast du schon den ersten Schritt gemacht. Ich muss mir manchmal auch eingestehen, dass das immer so leicht geschrieben ist und ich auch mehr machen könnte als nur gute Ratschläge zu geben. Aber du bist auf dem besten Weg. Ich weiß, dass es echt Überwindung kostet, das anzugehen. Am schwierigsten war es für mich meinem Mann davon zu erzählen und mir später einen Therapeuten zu suchen. Aber das ist das Wichtigste. Ohne Hilfe und Unterstützung wird es verdammt schwierig. Und du bist noch jung und es liegt so viel vor dir!! Es gibt Tage, da vergess ich das selber gerne, aber so ist es doch.


Liebe Katja,

meinen Text oben hab ich sehr ausführlich geschrieben und ich hoffe nicht all zu durcheinander. Du hast geschrieben, dass du eine Tochter hast und damit als Angehörige unmittelbar betroffen bist. In anderen Beiträgen hab ich von dir gelesen, dass ihr darüber diskutiert hab, ob und in wie weit deine Tochter irgendwann ein eigenes Leben führen kann und wann man als Mutter loslassen und das Kind auch mal auf sich gestellt lassen muss.
Ich kann mir nicht anmaßen, dir darauf eine Antwort zu geben. Das steht mir nicht zu und dazu habe ich auch keine Kompetenz.

Aber vielleicht lässt es dich ein bisschen Hoffnung schöpfen, dass ich auch in einer ähnlichen Situation war wie deine Tochter. Die Zwänge nicht wahr haben wollte, erst keine Behandlung wollte, weil man dann ja als "Verrückte" gilt. Mir eingeredet habe, dass niemandem die Zwänge auffallen. Mich meine Zwänge so beschäftigt haben, dass ich teilweise mehrere Stunden bis Tage darauf verschwendet habe, um z.B. nur die blöde Geschirrspülmaschine auszuräumen oder Sachen nach dem Waschen wieder in Schränke zu räumen. Keinen Minute zum durchatmen hatte, weil mich meine Zwänge so beschäftigt haben. Manchmal das Essen dadurch vergessen oder vermieden habe, weil man dann ja das Geschirr benutzen müsste, dass man gerade in mühevoller Kleinarbeit in den Schrank geräumt hat. Ich könnte die Liste endlos fortführen...
Klar, als Angehöriger ist man machtlos und steckt so ziemlich im Dilemma. Man möchte helfen, aber irgendwann stößt man an seine Grenzen und auch körperlich hat man keine Kraft mehr. Das letzte bisschen Selbsterhaltungstrieb hält einen davon ab nicht zu verzweifeln und irgendwie weiterzumachen und Tag für Tag über die Runden zu kommen.
Ich wünsche dir die Kraft, dass du durchhältst. Und ich wünsche dir, dass deine Tochter irgendwann an den Punkt gelangt, an dem Sie erkennt, dass das Leben noch mehr zu bieten hat als strikte Regeln und Zwänge. Dass sie vielleicht Ziele und Wünsche hat, die ihr helfen, etwas positiver zu denken und dass es wieder bergauf geht. Wenn mir nichts geholfen hat, so war es doch dieser große Wunsch nach einem halbwegs normalen Leben, der mich zurück ins Leben geholt hat. Stück für Stück, vielleicht auch in kleinen Schritten. Und das muss sie zum größten Teil selber machen. Lass den Kopf nicht hängen. Ich halt dir die Daumen. :)

So, dass war es dann jetzt auch wirklich zu so später Stunde. Ich entschuldige mich dafür, dass der Text so lang geworden ist. Ich hoffe, er hilft euch ein bisschen. Mir hat es jedenfalls etwas geholfen, darüber schreiben zu können. ;)

Ganz liebe Grüße,
Ina :P

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Donnerstag, 25. Oktober 2012, 16:50

hallo ina,
danke für deine aufmunternden worte!
meine tochter ist nun heute auf die jugendpsychiatrische station unseres kinderkrankenhauses gekommen.
beim aufnahmegespräch wurde sie von dem therapeuten, der sie behandeln wird, gefragt, was sie sich denn erwartet und wünscht von diesem klinikaufenthalt. sie sprach dann davon, mit ihren zwängen ihrer umwelt nicht mehr "zur last fallen zu wollen". und äußerte den wunsch, ihre zwangsgedanken etwas mehr in den griff kriegen zu wollen.
von einer rückkehr zu einem selbsbestimmten leben,vielleicht sogar ohne zwänge, war leider nicht die rede.
von wünschen an ihr leben, von zielen, auch nicht.
ich hoffe sehr, daß sie dort anfängt zu lernen, sich endlich wichtiger zu nehmen. etwas zu wollen. überhaupt erstmal(wieder) zu erkennen, was das ist: leben. da-sein. ziele haben. die persönlichkeit entfalten.
alles das war ja auf gutem weg, bevor sie krank wurde. eigentlich ist sie ein aufgeschlossener, wacher mensch mit vielen talenten:kreativ, sozial, interessiert,lustig,kommunikativ.
war gut in der schule aber nie überehrgeizig. hatte viele freundinnen. war viel unterwegs.
aber die krankheit, und gerade auch die aktuelle krise, hat ihre persönlichkeit komplett "zugeschüttet".
seither ist sie ein opfer, kein handelndes individuum mehr.
und letzlich sehe ich es wie du: SIE SELBST muß zurück auf den weg wollen, der wieder zur eigenständigkeit führt.
ich hoffe sehr, die nächsten monate werden ihr dabei hilfestellung leisten!
liebe grüße,
katja

9

Freitag, 26. Oktober 2012, 15:01

Hallo Katja,



auch wenn sich das jetzt irgendwie blöd anhört, kann ich das Verhalten von
deiner Tochter doch ganz gut nachvollziehen. Zu meinen schlimmsten Zeiten hab
ich mir gar nicht vorstellen können, dass es jemals wieder besser wird. Da war
nicht mehr als mein bescheidener Wunsch hauptsache meiner Umwelt damit nicht
mehr zur Last fallen zu müssen. Das war für mich schon das höchste der Gefühle
und schon die für mich höchst vorstellbare Verbesserung. Dass es noch besser
geht, konnte ich mir wirklich nicht vorstellen. Hatte mich auch nicht gewagt
oder getraut daran zu denken, weil das in so weiter Ferne lag. Für mich war es
damals schon gut, meine Umwelt nicht mit den Zwängen zu belasten. Was mit mir
war, war mir eigentlich egal. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass
es jemals besser oder irgendwie über den oben beschriebenen Punkt hinaus geht.
Vielleicht geht es deiner Tochter auch so, dass es für sie momentan alles so
dunkel und trostlos ist, dass sie sich gar nicht traut, mehr als diesen bescheidenen
Wunsch zu äußern.

Ich drück dir alle Daumen, dass sie die Kurve kriegt. Lass den Kopf nicht
hängen. Und wie schon gesagt, das meiste muss sie alleine tun. Das ist das
Schwerste daran, das zu akzeptieren. Du kannst sie nur begleiten und das
Wichtigste für dich ist, dich dabei nicht selbst zu verlieren.



Liebe Grüße Ina :P