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Samstag, 9. Juli 2016, 17:07

Rückfall der Zwangsgedanken durchs Internet?

Hallo,
im Jahre 2014 fingen meine Zwangsgedanken an. Diese äußerten sich durch aggressive Gedanken gegenüber meinem Partner.
Ich bin dann ziemlich schnell in die Notambulanz einer psychiatrischen Klinik. Dort verschrieb man mir Escitalopram 10 mg, welche ich täglich einnehmen solle. Gleichzeitig sollte ich eine Therapie beginnen. Habe dann irgendwann einen Platz bekommen und so nach Ca. 3 - 4Monaten war ich dann tatsächlich befreit von diesen Gedanken. Sie haben mir nichts mehr ausgemacht, wenn sie kamen.
Dies hielt die ganze Zeit über an.
Bis ich dummerweise vor ein paar Tagen im Internet nach urteilen wegen Mordes gegoogelt habe, da ich beim Anwalt arbeite und mich das mal interessiert hat. Haben solche Fälle bei der Arbeit nämlich gar nicht.
Nun ja. Dann bin ich auf ein Urteil eines Kannibalen gestoßen. Weiter ausführen möchte ich das jetzt nicht, da ich andere Zwängler nicht mit meinem Zwang anstecken möchte.
Jetzt habe ich das Problem, dass mir jetzt die ganze Zeit das Wort Kannibalismus im Kopf rumschwebt und was ist, wenn ich das auch gut finde.. Um Gottes Willen, nie im Leben.
Im Nachhinein natürlich super blöd von mir gewesen, das nachzulesen. Aber ich war halt komplett Zwangfrei und habe daran gar nicht gedacht.
Nun meine Frage. Ist jemandem von euch sowas auch schon mal passiert? Und ist das dann auch wieder verschwunden?
Ich ärgere mich so sehr. Aber ich bekomme das jetzt nicht mehr aus dem Kopf :-(
LG

Sisyphus

Anfänger

  • »Sisyphus« ist männlich

Beiträge: 14

Zwangssymptome: F42.0 (vorwiegend Zwangsgedanken oder Grübelzwang) mit komorbider chronischer Depression

Medikament / Dosis: Sertralin 200mg; Quetiapin 100 mg

Aktueller Therapie-Status: Ambulante Therapie

Status: Betroffene/r

Beruf: Verpackungshelfer in Teilzeit

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2

Samstag, 9. Juli 2016, 17:38

Hallo,

ich kenne den Fall, auf den Du Dich vermutlich beziehst, der war ja lange genug in den Medien...

Ich persönlich habe zwar andere Zwangsgedanken, aber dafür gehörst Du mit Deinem Zwang, der ja ein sehr konkreter und objektbezogener Zwang ist, zu den klassischen zwanghaften Subgruppen, bei denen die KVT am besten anschlägt. Diese arbeitet nämlich mit Exposition mit Reaktionsverhinderung. Das bedeutet, Du würdest Dich unter therapeutischer Aufsicht ganz gezielt mit dem bei Dir ja sehr konkreten Zwang aufeinandersetzen, würdest lernen, diesen auszuhalten, bis die Bedrohung des Zwanges allmählich verschwindet und sich so aus Deinem Kopf verabschieden kann (in diesem Punkt funktioniert die KVT ähnlich wie bei Phobikern). Bei Deinem Zwang könnte ich mir tatsächlich ein Funktionieren der KVT sehr gut vorstellen. Übrigens ist für Deinen Fall das Sachbuch "Frei werden von Zwangsgedanken" von Hansruedi Ambuehl sehr empfehlenswert. Mir hat das Buch nur wenig geholfen, was daran liegt, daß der Autor sich fast ausschließlich auf die "klassischen" Zwänge bezieht, die man in jedem Lehrbuch findet: also Waschzwang, Kontrollzwang, Ordnungszwang, Zählwang, Befürchtungen usw. Aber genau dies würde Dir ja in Deinem Fall weiterhelfen. Zudem klärt Ambühl sehr gut auf, wie es überhaupt zu Zwangsgedanken kommen kann und wie man am besten dagegen vorgeht. Das Buch beleuchtet diese Erkrankung aus allen Winkeln. Was in Deinem Fall wichtig ist, Ambühl sagt klipp und klar, Zwangskranke können die schlimmsten Befürchtungen haben wie eine vertraute Person zu verletzen, würden dies aber niemals tun. Er sagt, er selbst würde sein Baby am liebsten jemandem anvertrauen, der den Zwang hat, das Baby zu verletzen, denn dann wüßte er zu 100 Prozent, daß nichts passiert. Mit dem Kannibalismus ist es ähnlich. Weil Zwänge immer genau das sind, was der Zwangskranke von ganzem Herzen ablehnt, ja geradezu verabscheut, kannst Du Dir sicher sein, daß Du Kannibalismus definitiv nicht gut findest.

3

Samstag, 9. Juli 2016, 21:38

Danke für deine Antwort. Das beruhigt einen immer etwas, wenn noch mal andere das sagen. Obwohl man das ja eigentlich selber weiß, dass das quatsch ist, was man denkt. Aber diese immer wiederkehrenden Gedanken lassen einen daran manchmal zweifeln.
Darf ich fragen, was du denn für Zwangsgedanken hast?
Dieses Buch kannte ich noch nicht. Muss ich mir mal anschauen.
Ich hatte mal das Buch 'Der Kobold im Kopf'
Das hat mir auch echt gut geholfen. Allerdings finde ich das irgendwie wieder. Na ja. Mal schauen.

Sisyphus

Anfänger

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4

Sonntag, 10. Juli 2016, 11:59

Ja, das gehört zum
Krankheitsbild, daß man weiß, daß die eigenen Gedanken bzw. deren
exzessive Ausmaße unsinnig sind. Nur hat der Zwangskranke eben keine
Macht über seine Zwangsgedanken, die trotzdem über einen herfallen.
Es ist ein Dilemma, kämpft man gegen seine Zwangsgedanken an, erhöht
man nur ihre Bedeutung und sie werden immer schlimmer. Kämpft man
dagegen nicht gegen sie an, durchdringen sie ebenfalls das gesamte
Gehirn und setzen Dich widerstandslos Schachmatt. Mit dem Rat
„einfach ziehen lassen“ ist es nicht getan, denn ebenso wie bei
dem ständigen Hinweis mit dem Stopschild (wobei mich der geforderte
Gedankenstop ein wenig an Orwells Deldenk erinnert) lassen sich
Zwangsgedanken eben nicht verscheuchen, und ganz gewiß nicht so
einfach. Die Zwangsstörung ist eben keine Neurose, wie man früher
dachte (Stichwort „Zwangsneurose“), sondern eine ernste
neurobiologische Erkrankung. Wie Experten an Gehirnbildern von
Zwangskranken ablesen können, ist bei Zwangskranken das Gehirn so
gestört, daß sie gar nicht in der Lage sind, Kontrolle über die
Zwangsgedanken zu gewinnen. Das kann man sich ungefähr so
vorstellen, daß
das Filtersystem im Gehirn von Betroffenen versagt und ständig Fehlalarm produziert , so daß eine Handlung oder eine gedankliche
Auseinandersetzung mit einem Thema noch nicht abgeschlossen ist. So sendet es immer wieder Warnsignale und zwingt den Zwangskranken dazu,
sich wieder und wieder (bis zur totalen Erschöpfung) mit dem Problem
auseinanderzusetzen. Das ist ja auch der Grund, warum die
Zwangsstörung so hochgradig Leiden verursacht, zu solchen
hochgradigen Einschränkungen im wirklichen Leben führt, weil der
Zwangskranke kaum bis gar nicht mehr in der Lage ist, sich mit
wirklichen und aktuellen Problemen auseinanderzusetzen, und so leicht
in die Berufsunfähigkeit führt.



Ich habe
Zwangsgedanken, die bei mir rund um die Uhr präsent sind. Sie
beziehen sich auf vergangene Lebensereignisse, und ich muß immer
zwanghaft (was sonst?) darüber nachdenken, was passiert wäre, wenn
die Situation A so verlaufen wäre, wenn nicht Problem B aufgetaucht
wäre. Und wenn das Problem B nicht gekommen wäre, wie hätte sich
dann mein Leben entwickelt. Und so verheddere ich mich seit 20 Jahren
rund um die Uhr in diesem Netz und komme natürlich nie zu einer
Lösung. Der Kobold im Kopf ist natürlich ein Klassiker. Wenn ich
mal wieder Geld habe, werde ich mir das neue Buch Zwanghaft von David
Adam besorgen. Eine Leseprobe im Internet hat mich gefesselt
(übrigens böses Wort bei Zwangskranken), literarisch ist es wohl
vom Allerfeinsten, und vor allem, es ist ein ganz neues Buch, d. h.
man lernt die ganzen Neuigkeiten kennen, welche die Forschung in den
letzten Jahren zu der Störung herausgefunden hat.

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Sisyphus« (10. Juli 2016, 12:09)