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1

Donnerstag, 4. Januar 2007, 22:29

Nachpunkten & Festkleben

Hallo liebe Forumuser,

ich brauche Euren Rat...meine Tochter (8Jahre) leidet daran, alles was sie geschrieben hat, noch einmal nachzupunkten und viele Gegenstände mehrfach anfassen zu müssen, häufig bis die Berührungen eine gerade Zahl ergeben. Für Außenstehende mag das absurd klingen, aber teilweise klebt sie richtig an den Gegenständen fest und bittet mich oft, sie davon loszureißen. Am Schlimmsten ist es bei Türen und Wasserhähnen. Dieser Anfasszwang war schon einmal vor 1,5 Jahren in leichterer Form aufgetreten, ist aber von selbst wieder verschwunden.
Wir haben diesen Zwang zuerst nicht bemerkt, es für Bummelei gehalten und dementsprechend schroff reagiert und sie wahrscheinlich damit weiter in den Zwang reingeritten. Seit wir bemerkt haben, dass sie selbst dagegen kämpft wie eine Löwin und sich für unnormal hält, rede ich sehr sehr viel mit ihr über den Zwang und versuche ihr zu spiegeln, dass sie nicht an sich zweifeln braucht und die scheinbar "Normaleren" (inkl. ihrem Vater) teilweise noch viel größere Macken haben...*lach* In den letzten Tagen ist der Zwang wesentlich besser geworden...ich lasse ihr auch mehr Zeit. Trotzdem hier noch mal meine Fragen:

Wenn Sie mich zukünftig bittet, sie vom Gegenstand wegzureißen, was tun?

Ich möchte gerne mit ihr den Weg zum Therapeuten gehen. Soll sie selbst entscheiden, ob er/sie ihr helfen soll? Sie denkt, sie wäre die einzige mit diesem Problem und zweifelt an sich. Der Therapeut könnte ihr zeigen, dass das Gegenteil der Fall ist.
Was meint ihr?

Monty
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exupery

Hope

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Beiträge: 1 247

Aktueller Therapie-Status: War erfolgreich in Therapie

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2

Donnerstag, 4. Januar 2007, 23:15

RE: Nachpunkten & Festkleben

Hallo Monty,

ich würde auf jeden Fall mit ihr zu einem geeigneten Therapeuten gehen, ich denke einen der sich auf Kinder spezialisiert hat, gut ist ja schon mal das ihr es erkannt habt und in ihrem Alter ist die Chance groß das es wieder weg geht ich hatte so was ähnliches auch als Kind, das ging wieder weg als ich zu Kur war, gut ich habe später wieder andere Zwänge bekommen aber damals wusste auch keiner was ich habe.

Ihr müsst einen Mittelweg finden um ihr zu helfen nicht alles unterstützen aber sie muß trotzdem merken das Ihr ihr helfen wollt, das ist schwer bei einem Kind weil sie es ja nicht so versteht wie ein erwachsener.

Ich wünsche Euch viel Erfolg.

Gruß

Hope
Gruß

Hope


Frei nach Dieter Nuhr: „Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal Fresse halten.“
http://www.youtube.com/watch?v=j8uefBUOfgA

Pit-2001

unregistriert

3

Freitag, 5. Januar 2007, 03:52

RE: Nachpunkten & Festkleben

Hallo besorgte Eltern. Ich kenne euch nicht, und ich bin kein Therapeut, also seht, was ich schreibe nur als allgemeine Anregung.

Ich finde eure Besorgnis und Mühe lobenswert.

Trotzdem sehe ich das Ganze mal aus meiner Sicht. Ich bleibe an dem Punkt hängen, dass du schreibst, dass sie sich für normal halten darf. Das könnte neuen Stress erzeugen, wenn sie doch im Inneren glaubt, etwas Unnormales treibe sie.
Lasst zu, dass so eine Kraft in ihr ist, vielleicht kommt ihr ihr dadurch auf die Schliche. Dass es besser geworden ist beweist ja, dass sie sich ein wenig fallen lassen gelernt hat. Eure Eingeständnisse euch betreffend und eure Hilfe mögen dafür verantwortlich sein.

Ihr seid euch unsicher, ob ihr sie von Dingen, an denen sie festklebt losreisen dürft.

Vielleicht interessiert euch die Lektüre von Prokop "Der kleine Thyrann". Dort wird die Festhaltemethode beschrieben, an der sicher was dran ist. Wenn die Liebe ein Kind festhält und nicht ein Verbot oder eine Form in die man es zwingen will, spürt das das Kind und es kann therapeutisch wertvoll sein.

Mir fällt zum Hindern am Zwang sofort ein: Ich wünschte mir, dass Menschen mich daran hindern, mir helfen würden, die Kraft geben würden, die mir fehlt, ihn sein zu lassen. Ich bin aber von Menschen fertig gemacht worden, die das eher tun, um selbst Ruhe von mir zu haben, die mich kalt ins Wasser schmissen und von der Ferne zusahen, statt da zu sein. Sowas verschlimmert alles.

Ich kann mir also durchaus vorstellen, dass ein Abhalten von den Gegenständen für sie hilfreich ist, wenn es auf die rechte Art und Wesie stattfindet, nämlich nicht, um sie damit zu brechen, sondern ihr damit zu helfen. Das fordert eine gute Kenntnis ihrer Gefühle und ein Dasein, eine starke liebende Hand, die Zuversicht gibt, aber trotzdem nicht kalt ihren Willen durchsetzt, die fest ist aber auch flexibel und vor allem wach!

Klingt kompliziert, ist vielleicht zu schwer. Keine Ahnung. Aber ich bin trotzdem überzeugt, dass irgendwo zwischen diesen Versuchen, euch meine Gefühle rüber zubringen die Wahrheit steckt.

Therapie kann das unter Umständen auch. Wieviel besser, wenn es Freunde und Angehörige könnten.

Ich grüße euch.

Pit

4

Freitag, 5. Januar 2007, 10:56

@Hope & Pit

Hallo Ihr 2,

danke ersteinmal für die schnelle Antwort.

@Hope: Ja, wir werden Hilfe dazu nehmen aber auch wir müssen Teil der Hilfe sein. So à la: "Ab zum Therapeuten mit Dir, der macht dich wieder klar im Kopf", das will ich nicht, denn auch wir Eltern sind mitverantwortlich für den Druck, der sich schlussendlich in den Zwängen äußert. Ich möchte also genau wissen, was muss der Therapeut leisten und was kann ich leisten. Ich möchte auch, dass sie weiß, warum wir dahin gehen und dass sie es selbst will. Sie darf auch ablehnen.

Nachdem ich begriffen hatte, dass sie nicht loslassen kann, habe ich es mit dem Festhalten auch so gehandhabt: Ich habe ruhig mit ihr geredet und sie auch ruhig davon weggezogen, wenn sie es wollte. Danach habe ich ihr gezeigt, dass der Gegenstand immer noch derselbe alte doofe Gegenstand ist und noch da ist und viel mit ihr darüber gelacht.

@Pit: Ich möchte ihr nur zeigen, dass die Welt voller Zwänge steckt, sie nicht allein ist und auch wegen dem Zwang nicht doof oder anders ist. Nachdem ich mich gestern und vorgestern durch -zig Beiträge von Euch und den Forumsusern gelesen habe, bin ich am Zweifeln was "normal" ist. Hier schreiben Menschen so intelligent und bewusst, die an Zwängen leiden, in die sie oft durch weniger intelligente (ich meine auch emotionale Intelligenz) Menschen tiefer hineingeritten wurden, so dass ich mittlerweile glaube: Die Welt da draußen braucht die Therapie.
Wir leiden alle an irgendwelchen Zwängen, nur: Einige davon sind salonfähig oder sogar chic geworden, andere nicht sichtbar oder werden gesellschaftsfähig kaschiert. Und genau hier liegt das Problem der selbsternannten Normalo's: Was wir (auch ich) nicht sehen, das gibt es nicht. Wenn wir was sehen, dann muss es sofort weggeschafft werden. Genau hier entsteht der Druck für die Betroffenen. Die Frage nach der Ursache kommt auch zu selten.

Ihr seid alle genauso okay oder genauso krank (ich meine nicht den ICD...) wie jeder andere, der über die Welt spaziert. Ihr habt aber den Unwissenden gegenüber einen Riesenvorteil: Ihr wisst, wie man nicht mit anderen Menschen umgehen sollte.
Die intelligenteren Menschen sind wahrscheinlich hier.

Monty
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exupery

5

Freitag, 5. Januar 2007, 11:58

Das sind schöne Erkenntnisse, die Du beschreibst in Bezug auf Zwängler. Ich sehe auch einen geeigneten Therapeuten für sinnvoll an, bezweifle aber, daß ein Kind mit 8 Jahren den abstrakten Begriff „Therapeut” verstehen kann.

Daß Du dem Kind pro Forma die Wahl lassen möchtest, ob es dorthin geht, finde ich eine nette Idee. Falls Du ihm die Wahl tatsächlich lassen möchtest, fände ich das nicht o.k., weil wie oben gesagt, das Kind weder die Notwendigkeit noch die genaue Funktion eines Therapeuten erkennen kann.

Das ist auch das, was mich an Deinen beiden Postings bisher am meisten wundert. Du versuchst dem Kind scheinbar sehr viel zu erklären.

Wenn Du Schwierigkeiten hast einen spezialisierten T. zu finden, such nach einem Familient. Das scheint mir in vielen Fällen sowieso sinnvoller zu sein.

Und vorsicht mit Jirina Prekop http://www.sonntagsblatt.de/artikel/2000/30/30-s4.htm . Die Therapiemethode ist mir auch sympathisch, aber nicht im dem Kontext, daß Du das Kind wie beschrieben losreißt und dann festhältst. Das kann eine gegenteilige Konditionierung aufbauen nach dem Motto: Immer wenn ich mich nicht losreißen kann, dann werde ich in den Arm genommen.

Frage: Was war im Alter von 1,5 Jahren? Was ist das für ein „Druck, der sich schlussendlich in den Zwängen äußert?”

Pit-2001

unregistriert

6

Freitag, 5. Januar 2007, 18:57

RE: @Hope & Pit

Danke Monty, für deinen Beitrag.

Nach soviel Elend mit Menschen, die mir das Leben zur Hölle machen, möchte ich einfach danbar sein, für Leute, die sich ein wenig in das "Unsichtbare" Elend hinablassen.

Ich danke denen, die mir jemals geholfen haben und denen, die so wunderschöne Briefe schreiben, wie du.

Man kann euch und eurem Kind nur alles Gute wünschen.

Ihr macht es gut, wenn ihr Betroffene fragt, von denen kann man mitunter Dinge erfahren, die man sonst nicht so einfach bekommt. Und es ist gut, wenn diese Dinge dann von einem Therapeuten oder Wissendem abgeglichen werden. Dann könnt ihr euch ein Bild machen und immer besser mitreden.

Viele Grüße an dich und deine Familie.

Pit

7

Sonntag, 7. Januar 2007, 00:11

@Pit & Markus

Hallo Ihr beiden,

@Pit: Schöne Briefe schreiben ist das eine. Schöne Worte wählen das andere. In seinem täglichen Handeln diese auch unter Beweis zu stellen, das ist das wichtigste.
Ich kenne die Menschen nicht, die dir das Leben zur Hölle gemacht haben. Entweder haben Ihnen die Fähigkeiten, Möglichkeiten oder der Willen gefehlt, in Deinen Turm mit abzusteigen (oder aufzusteigen?). Wenn sie es nicht einmal versucht haben (Wille), dann sind die die eigentlichen Loser. Ich denke -ohne Dich zu kennen- es gibt wesentlich mehr an Pit als seine Zwänge und es gibt Ursachen. Wer sich nicht die Mühe macht dahinterzuschauen, der hat seinen Platz als intelligenzversiertes Lebewesen im 21.Jh. eigentlich verspielt. Ich glaube J.R.Becher hat es Mitte des letzten Jh so oder so ähnlich mal geschrieben: ""Es nützt nichts, nur zu sagen: "Sieh, ich liebe!" Oft wiederholt wird die Beteuerung lästig und keinen überzeugt sie mehr. Den Menschen und den Dingen Sprache zu geben, heißt zu lieben. Zu lieben heißt: Ich helfe dem Undurchdachten, besser sich zu denken.""

Genau das ist es: Ich möchte mir selbst ein Bild machen. Dazu zählt der Rat von Betroffenen für mich doppelt. Ich selbst kann nur mutmaßen und muss den Handlungen eines Therapeuten vertrauen, was nicht einfach ist, denn ich bin selbst recht gut vorinformiert zum Thema Psychologie.

@Markus: Nein, ich habe auch nicht vor, ihr den Begriff "Therapeut" zu erklären...;-) Genausowenig kann sie mit 8Jahren die Entscheidung fällen. Das können nur wir. Alles andere wäre Abwälzen der Verantwortung. Aber: Es gibt ja die Möglichkeit, den Spielball "Ich bin bestimmt die einzige die das hat..." aufzugreifen und die Frage zurückzuformulieren: "Würde es dir helfen, wenn wir mal zu jemandem gehen, der dir u.a. auch zeigen kann, dass es noch viel mehr Betroffene gibt?" Bevor ich jedoch mit ihr gehe, hole ich mir Referenzen zum Therapeuten ein, der auch uns Eltern therapiert. Mein Kind ist mir zu wichtig.

Nein, trainieren möchte ich sie dahingehend auf keinen Fall. Aber genau wie im Fall von Jirina möchte ich ihr zeigen (nicht nur im Moment des Festhaltens), dass ich sie immer liebe und mich ihre Zwänge einen Scheißdreck davon abhalten werden, es in hundert Jahren noch zu tun.
Der Beitrag von Jirina ist megastark geschrieben und wie immer liegen die Ursachen für ihre Probleme im Umfeld. Sie schreibt auch imho viel richtiges über Werte und den Verfall diverser Werte. Einer dieser Werte: Konfliktfähigkeit.
Warum die Zwänge bei meiner Tochter auftreten und schon vor 1,5Jahren aufgetreten sind? Hier eine Vermutung: Ich hatte die ersten 4 Jahre ihres Lebens viel Zeit für sie und habe aber dann einen Job angenommen, in dem ich 12-14h täglich arbeite und noch dazu täglich 280KM jeden Tag fahre (der mir aber auch Spaß macht). Hinzu kam, dass wir vor 2Jahren noch einmal Nachwuchs bekommen haben und die kleine Schwester sehr sehr selbständig und extrovertiert ist. Zum selben Zeitpunkt ist sie in die Schule gekommen, wir haben ein Haus umgebaut und sind auch umgezogen. Sie ist also von vielen Seiten unter Druck geraten und musste viel loslassen, sei es die Mittelpunktstellung oder das kindlich unbekümmerte und noch nicht leistungsorientierte Dasein. Das schlimmste jedoch: Sie konnte -weil sie ja nie da sind- mit ihren wichtigsten Bezugsperson, nämlich ihren Eltern, nicht reden, um die inneren Konflikte zu besprechen. Meine Tochter ist sehr sehr sensibel. Sie sieht, riecht, schmeckt und fühlt Dinge, die andere niemals mitbekommen würden. Sie ist ein besonderer Mensch.
Ich rede deshalb jetzt viel mit ihr, weil ich es die letzten Jahre nicht getan habe. Wir waren viel im Urlaub und unternehmen viel, also alles sehr eventorientiert aber eben nicht tiefgründig und ungeeignet, um das Simpelste im menschlichen Miteinander zu tun: Über unsere erwachsenen Pläne zu reden.
Uns geht es besser, seit wir wissen, dass wir hier den wohl größten Fehler unseres Lebens gemacht haben: Die Gefühlswelt eines wichtigen kleinen Menschen zu unterschätzen.
In meinen Prioritäten waren die Gefühlswelten meiner erwachsenen Mitarbeiter häufig wichtiger als die meiner Kinder.

Deshalb hält sie wohl zu recht fest.
Sie zeigt uns also unbewusst/unterbewusst etwas.
Eine Hilfestellung für die idiotischen Normalo's also.

Wir werden sie nutzen.

Monty
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exupery

tierchen29

unregistriert

8

Sonntag, 7. Januar 2007, 02:57

Du schreibst so süß und rührend, Monty!

Da kommen mir wirklich die Tränen!

Nutze genau so, wie Du es sagst, die Chance, die sie Euch durch ihr Verhalten gegeben hat, indem sie Euch unbewußt "wachgerüttelt" hat.

Ich wünsche Euch alles Gute!

Liebe Grüße

tierchen29

Pit-2001

unregistriert

9

Sonntag, 7. Januar 2007, 12:13

RE: @Pit & Markus

Monty, du bist den Dingen sehr nahe, vielen Dingen, empfinde ich.

Dabei bist du wahrhaftig kein Heiliger, wenn man liest, was du alles zugibst.
Doch das macht dich gerade interessant. Ein wenig dieser Einsichten und ich hätte noch eine Mutter, einen Bruder, einen besten Freund von früher, und wichtige andere Leute.

All diese haben sich abgewandt, sie wollen mit den richtig gesehenen anderen Seiten von mir nichts zu tun haben, weil die Seite, die sie nicht verkraften, zur Prüfung ihres Lebens wurde, die sie nicht bestanden.

Das Hauptargument ihrer Gegnerschaft ist: Solange der, ich zitiere "so helle" ist und zu allem seinen Kommentar hat, ist er kein bemitleidenswerter Kranker, sondern ein Böser. Die Menschen kapieren zwar, dass ein schwer Krebskranker auch über seine Krankheit reflektieren kann, Fachgespräche führen kann usw. und ihr troztdem erliegen mag, aber sie (wollen?) kapieren nicht, dass es im seelischen Bereich genauso ist, dass man geistig völlig normal erscheint, dass man Geschütze auffahren kann, dass man in andren Bereichen völlig normal ist und gleichzeitig auf seinem Krankheitsgebiet hilflos erscheint, hilfsbedürftig ist. Nein, das kapieren ein Großteil damit konfrontierter nicht. Die Folge ist, dass sie einen für böse halten, für unbelehrbar, ja sogar für "gemeingefährlich" (mein bester Freund mit dem ich aufwuchs).

Weißt du, wie das weh tut? Vor allem, weil man es nicht versteht, warum sie so hart sind, warum sich die eigenen Mutter von einem trennt usw. Ich sah gestern den Film "Der Untergang" und erkannte meine Mutter in Frau Göbbels wieder, die eiskalt ihre Kinder umbrachte. Ich sehe Parallellen. Wer sie versteht, o.k., wer nicht, dem brauche ich sie nicht erklären.

Mein früherer bester Freund meinte zum Beispiel, er könne mir zwei Jahre lang einen von seinem Weltreisen und seinem herrlichen Leben erzählen, was er sich philosophisch gesehen jetzt erlaubt. Als Folge müsste ich meinen "Käse" ablegen und mit ihm das Leben genießen. Tu ich das nicht, bin ich böse, unbelehrbar, hirnverbrannt, geistig unfähig etwas zu erkennen usw. Er hält sich dabei aber für äußerst intelligent und spricht mir jedes Unterscheidungsvermögen ab. Alles nur, weil ich immer noch Ängste habe und Zwänge.

Das bedeutet doch im Klartext, dass er nie akzeptiert hat und nicht akzeptieren will, dass Zwänge einen Menschen beherrschen, dass man nicht auskann. Er muss wohl meinen, sie seien einfach eine schlechte Angewohnheit und wer die nicht ablegt, ist seiner Freundschaft nicht wert. Man kommt sich dann vor, als sei man ein Pädophiler von dem man sich ekelnd abwendet.

Weiß jemand, wie weh das tut?

Warum sind die Menschen so? Warum sind angeblich intelligente Menschen so?
Warum sind Menschen so, die sich rühmen alle Philosophien der Welt zu kennen, über den Dingen zu stehen und ganz toll zu sein?

Was ich von ihm verlangte, war einzig, mir alle drei Wochen mal über Mail eine Frage zu beantworten. Ich schrieb ihm, wenn er mir diesen "Rollstuhl" zugesteht, dann kann ich auch auf ihn eingehen, mit ihm meine anderen Seiten leben usw., was er immer anforderte. Doch dies geschah nie, weil er stur behauptet, solange ich ihm solche "hirnverbrannten Fragen stelle" gibt es keine anderen Seiten, die ihn interessieren. Weiß jemand, wie das wehtut?

Und das ist nicht nur er, das ist meine Mutter, mein Bruder und einige andere.

Wie grausam, ein Leiden zu haben, was von so vielen Menschen missverstanden wird, und diese Schicht zieht sich durch "dumme, einfache" Menschen bis hin zu Ärzten und Intelektuellen. Alle Sorten von Menschen, bergen die, die nichts verstehen und die, die verstehen. Ich fühlel mich wie ein Prüfstein, der den wahren Mensch offenbart, wenn er mit meinem Leid konfrontiert wird.

Eigentlich interessant. Viele würden sich wünschen, durch ein Mittel zu prüfen, ob jemand ein wahrer Freund sein kann oder nicht. Viele würden gern so tief in jemand hinabsehen können. Die Zwänge machens möglich. Und siehe da, sogar meine Mutter ist kein "Mensch". Damit muss man dann auch leben. Aber sie bewies mir damit im Nachhinein, dass sie auch an den Anfängen beteiligt war, was sie nie zu geben will.

Na ja, Monty, jetzt weißt, du warum ich deine Einsichten deine Tochter betreffend so außergewöhnlich finde. Wie einfach ist es, zuzugeben, was man falsch gemacht hat, wenn es tief in einem stimmt. Dafür beglückwünsche ich dich und ich danke dir fürs Zuhören.

Pit

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Pit-2001« (7. Januar 2007, 12:16)


10

Sonntag, 7. Januar 2007, 21:29

@Tierchen29 & Pit

Hallo Ihr zwei,

danke auch Euch für's Zuhören...

@Tierchen29: Ich schreibe nicht süß und ich bin auch nicht süß...;-) im Gegenteil: Ich bin eine echt harte Nuss. Aber ich werde die Chance nutzen.

@Pit: Hier möchte ich Dir gerne in einer PM antworten...

Monty
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exupery

tierchen29

unregistriert

11

Montag, 8. Januar 2007, 01:09

RE: @Tierchen29 & Pit

Zitat

Original von Monty

@Tierchen29: Ich schreibe nicht süß und ich bin auch nicht süß...;-) im Gegenteil: Ich bin eine echt harte Nuss. Aber ich werde die Chance nutzen.

Monty


das hätte mich auch gewundert, wenn Du das als Mann so akzeptiert hättest. :breit:

Aber auch eine "harte Nuss" kann -zum Glück- weiche Seiten haben. ;)

Liebe Grüße

tierchen29

Pit-2001

unregistriert

12

Montag, 8. Januar 2007, 04:19

RE: @Tierchen29 & Pit

Lieber Monty,

Es ist leider selten geworden, dass mir mal jemand auf diese Weise hilft, wie du es in deinem PM-Brief getan hast.

Das sind die Ermunterungen, die man braucht, um nicht selbst wieder dahinzufallen, wo man die besagten Personen sieht.

D A N K E.

Ja, unterdessen wäre das wohl was mit dem "Vater", du hast Recht.

Aber die Zeiten sind wohl gelaufen und ich bin froh, dass es früher nicht der Fall war, sonst hätte sich die Reihe fortgesetzt, denn ich wäre ohne diese Erfahrungen wohl so gewesen, wie die Eltern.

Und es ist schön, dass es Menschen gibt, die die Dinge erlebt haben, die du erlebt hast und sich wieder fangen, nicht bei jedem klappt das, aber genau das bräuchte die Menschheit öfter, zum Nutzen derer, denen das wieder fangen noch Probleme macht.

Machs erst mal gut.

Pit

13

Montag, 8. Januar 2007, 10:39

RE: @Tierchen29 & Pit

@Tierchen29: Typisch Frau! Als Mann habe ich mit dem "süß" gar keine Probleme. Nur: Der Mensch *Monty* ist nicht süß. Ich bin eine alte Kampfsau. Davon kann dir Pit mehr berichten...
Natürlich bin ich auch weich an den Flanken.
Und das ist gut so.

Monty
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exupery

14

Montag, 8. Januar 2007, 11:20

Der Dank ist ganz auf meiner Seite...

@Pit:

Ich muss Dir danken. Ohne Deine/Eure Postings hier, wäre ich um vieles ärmer.

Vater werden ist nicht schwer.
Wieso ist die Zeit bei Dir durch? Sie beginnt doch erst. Du kannst geistiger Vater werden für mehrere Menschen und du bist es mit Deinen Postings schon. Wen interessiert das überbewertete Gedöns der vererbbaren Gene?

Du wirst andere Fehler machen als deine Eltern aber wie gesagt: Ihren Kardinalsfehler wirst Du niemals machen. Nein, Du wirst besser mit den Menschen umgehen.

Ich habe mich nicht gefangen. Ich habe gelernt und meine geistigen Abhängigkeiten zu diversen Personen durchbrochen und mache immer noch genügend Fehler. Heute versuche ich mich wieder in der schrittweisen Annäherung an diese Personen. In sich gesehen bin ich wohl eine Erfolgsstory.
Aber: Du bist es auch. Du bist wohl der erste in Deiner Familienlinie, der seine vorgesteckte Rolle der Determiniertheit des Handelns in puncto emotionale Intelligenz durchbrochen hat. Das hat nicht mal Dein Bruder geschafft. Du bist ein Sieger.

Wer hat wohl mehr gewonnen? Der, der immer wieder nach dem Hinfallen aufsteht und weiterläuft oder der der nicht erst hingefallen ist?

Willkommen, Pit!

Monty
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exupery

Pit-2001

unregistriert

15

Montag, 8. Januar 2007, 16:08

RE: Der Dank ist ganz auf meiner Seite...

Es freut mich Monty, dass du dir verschiedene Beiträge durchgelesen hast und daraus Dinge für dich entnehmen konntest.

Ich höre dir gern zu, schade, dass du kein Autor bist, sonst hättest du einen Leser mehr.

Das mit dem Durchbrechen, das hat man mir in früheren Therapien gesagt, es ist schön, dass wieder mal zu hören. Leider hätte ich Grund zum Schämen, dass ich bisher nicht weitergekommen bin. Ich stecke fest. Und vielleicht ist es da ganz gut, wenigstens anderen Menschen zu helfen, die vielleicht nicht so eine schwere Last zu tragen haben und damit weiter kommen. Aber zumindest kann man sich als solidarisch erweisen.

Wenn du dich weiter unterhalten möchtest, ich habe unterdessen auch meine E-Mail freigegeben. Andererseits ist es ja gut, wenn man sich hier im Forum austauschen kann, und es ist eine seltene Erscheinung, dass die hier Anwesenden sich nicht durch Neid, Missgunst, Groll, Egoismus und sonstwas auseinanderdividieren lassen. Da gehört zwar manchmal etwas Innehalten und Nachdenken dazu, aber es lohnt sich, so lernt jeder von jedem und jeder kann zu anderen Mitgefühl entwickeln. Danke allen, die das Lesen und

Danke für deinen Beitrag dazu.

Pit

16

Freitag, 12. Januar 2007, 13:38

@Pit & Friends

...so, dann bin ich wieder. Habe gestern mit der Lehrerin gesprochen, damit sie weiß, warum meine Tochter etwas langsamer ist als die anderen. Ihre AW: "Wir haben 3 ADS-Kinder, 1ADHS-Kind in der Klasse, wir haben verhaltensauffällige Kinder aber wie zum Himmels willen kommen Sie denn darauf, dass ihre Tochter so was hat? Ich habe das noch nie bei ihr beobachtet, zugegeben: Sie ist etwas langsam aber auch überdurchschnittlich intelligent und sie ist alles andere als eine Außenseiterin." Ich habe ihr dann alles erklärt und sie hat sehr gut reagiert.

Ach, Pit...vielleicht schreibe ich eines Tages ein Buch. Das ungeschriebene Skript liegt seit Jahren bereits in den Regalen meines Hirns und jeden Tag kommen neue Story's und Bilder dazu. Vielleicht wenn ich alt bin...oder auch nicht.

Ich bleibe Dir/Euch auf jeden Fall erhalten. Du kannst mir auch immer mailen oder posten. Ich werde Euch über den weiteren Verlauf informieren.

P.S.:
Es gibt keinen Grund sich zu schämen. Du nicht.
Andere haben andere Lasten zu tragen, vielleicht nicht so schwere in puncto "Zwänge" aber eben andere schwere.
Das Forum mit seinen Teilnehmern ist total genial. Weil sich hier so viele Verletzte wiederfinden, haben sie es sich nicht zur Aufgabe gemacht, an anderen Menschen ähnliches zu versuchen, sondern sich in Respekt, Verständnis und Mitgefühl zu üben. Das finde ich sehr gut.

Monty
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exupery

Pit-2001

unregistriert

17

Freitag, 12. Januar 2007, 14:41

RE: @Pit & Friends

Hallo lieber Monty,

schön, von dir zu hören. O.k. ich h abe keinen Grund, mich zu schämen, stimmt!!!
Aber außerhalb dieser offiziellen Stellung, die alle gegenüber Zwänglern einnehmen sollten, schämt man sich eben trotzdem, da geht kein Weg dran vorbei, zumindest vor seinem Partner,w enn man nah zusmamen lebt..

Denn das ganze Feingefühl, die ganze Sensibiliät, die die Partnerschaft und die Sexualität braucht, um zu gedeihen geht eben v erloren, wenn man in jeder Siutation mit Zwangshandlungen, Zwangsfragen usw. vor dem Partner "glänzt".
Da kann der noch so oft betonen, du bist o.k, ich aktzeptiere das, aber das hilft in solchen Situationen nichts, wenn du verstehst.

Siehst du Monty, selbst andere psychische Krankheiten werden in der Schulklasse erkannt, diese nicht, um so schöner, wenn eine Lehrkraft, zumindest sagt, dass sie es verstehen und integrieren will. Auch wenn Fremde das nicht mal erkennen, leiden die Betoffenen, ein stilles Leiden. Das weißt du ja von deiner Tochter.

Und das es hier so viel Verständnis und wenig Querschüsse gibt, rührt wohl wirklich daher, dass die Leute hier krank sind, weil sie offensichtliche oder unbewusste Verletzungen mitgemacht haben, bevor sie krank wurden.

Apropo Buch:

Ich habe bereits zwei nicht nur im Kopf, sondern schon geschrieben, die hier auf Überarbeitung und die Öffentlichkeit warten. Und ein drittes, was sich aber nur teilweise mit Zwängen befasst, wurde vor zwei Jahren veröffentlicht.

Liebe Grüße

Pit

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Pit-2001« (12. Januar 2007, 14:41)


18

Freitag, 12. Januar 2007, 14:46

RE: @Pit & Friends

Hallo Pit

Kann man dieses dritte Buch irgendwo erwerben? Wenn ja, wo? Mich würde es interessieren.

LG Raphe

Pit-2001

unregistriert

19

Freitag, 12. Januar 2007, 15:04

RE: @Pit & Friends

Hallo Raphe,

dieses dritte, eigentlich mein erstes, ist ein Gedichtband von mir, der außer vielen anderen Gedichten (die zeigen, dass Zwängler auch noch andere Seiten haben können) auch Gedichte über Zwänge enthält. Ach ja, und dann kommt demnächst wohl noch eines raus, was gar keine Zwangsgedichte enthält, nur schöne Diinge in Reimen, das kann man dann in den Buchhandlungen beziehen, ich melde mich dann, wenn das Wirklichkeit wird. Da stehen so schöne Gedichte über das Leben drin, dass ich schon Angst vor der Veröffentlichung habe, da ich in der Panik in der ich meist bin, wenn ich es nicht brauchen kann, Skrupel habe, von den kurzen schönen Momenten eines Zwangslebens öffentlich zu lesen, wenn man grad in ganz anderer Verfassung ist.

In Arbeit ist ein Band, der wirklich voller Zwangsgedichte ist und ein Buch, in dem
der Zwang eine große Rolle in anderem spannenden Geschehen spielt.

Wenn du das Erstwerk haben willst, kannst du es nur über mich beziehen, da es nicht mehr im Handel ist, nur von mir in kleinen Mengen nachgedruckt und deshalb auch 15,- Euro teuer ist (incl. Versand). Du müsstest mir per Mail deine Adresse senden, dann sehen wir weiter. Ist bisschen doof, weil man ja nicht gern seine Adresse weiter gibt, weil man ja froh ist, hier anonym zu sein. Ich habe also alles Verständnis, wenn dus nciht tust, da ich mir selbst ja unsicher bin, ob ichs tun soll, so sehr ich mich ja freuen würde darüber.

Ich grüße dich

Pit

20

Sonntag, 14. Januar 2007, 20:44

RE: @Pit & Friends

@Pit: Ich weiß nicht, ob das die offizielle Haltung gegenüber "Zwänglern" ist. Es ist meine Grundauffassung und sie kommt von Herzen. Deshalb noch einmal: Du hast keinen Grund, dich zu schämen. Keinen rationalen und auch keinen emotionalen.
Wenn Du es dennoch tust, dann weil Dir deine Umwelt wichtig ist und Du denkst, Du müsstest nach all den Jahren mittlerweile "weiter" sein. Auch das zeichnet Dich aus. Ein Großteil der Menschen schei... auf jegliche Entwicklung bei sich selbst und verzichtet auch auf jegliches Feedback. Natürlich gehen diese Ignoranten sorgenfreier durch's Leben, die besseren Menschen sind sie deshalb trotzdem nicht. Also, Kopf hoch, mein lieber Pit. Du hast allen Grund, auf Dich stolz zu sein.

Ich möchte Dein erster Kunde für Dein neues Buch werden. Als Widmung hätte ich gerne drin stehen: "Wer nur ein einziges Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt. Dein Pit."

P.S.: Falls jetzt Deine anerzogene Vorsicht rät: Das sagt der nur so, weil er sagen muss: Vergiss es! Monty muss gar nichts. Alles, was er sagt, tut er aus Überzeugung.

:))

Ich mag den Pit.

Monty
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Antoine de Saint-Exupery

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