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Sonntag, 5. Juni 2005, 13:15

Neuanfang

Hallo

Ich schreibe mal hierhin, weil ich nicht weiss, wo ich sonst richtig sein werde. Ich bin ja nun schon sehr lange hier im Forum und ich möchte gerne über etwas anderes mein Herz ausschütten.
Seit einem Monat habe ich mich von meinem Mann getrennt. Es war auf den Tag genau 19 Jahre her, dass wir uns kennenlernten. Wir haben zwei wundervolle Kinder und nach aussen hin sahen wir aus, als wären wir ein Traumpaar und glücklich. Ich habe mir das auch immer selbst so vorgemacht. Und dass ich mich jetzt von ihm scheiden lassen will, kann niemand (ausgenommen ein paar wenige Leute, die ihn etwas besser kennen) so richtig verstehen.
Dass ich die letzten vier Jahre durch die Hölle gegangen bin, weiss niemand.
Und dass ich die Jahre davor auch nur unglücklich war und sogar Angst vor meinem Mann hatte, habe ich selbst so sehr verdrängt, dass es mir gar nicht bewusst war. Erst seit ich in Therapie bin (seit über zwei Jahren und seit einem Jahr Psychoanalyse), wurde mir bewusst, was ich die letzten 19 Jahre getan und mitgemacht habe. Mein Mann war nämlich keineswegs derjenige, in den ich mich damals verliebt hatte. Und ich habe es jahrelang mithilfe von Alkohol und Drogen verdrängt. Als ich allerdings damit aufhörte, hat sich alles ganz langsam in Obsessionen verwandelt, das heisst, anstatt mich in Drogen zu flüchten, flüchtete ich (unbewusst natürlich) in eine Traumwelt. Allerdings geriet diese Traumwelt auf einmal völlig ausser Kontrolle und hat sich zu einer Obsession ausgeartet.
Was ich eigentlich sagen will, ist, dass niemand weiss, wie es für mich war, als er mich geschlagen und beleidigt hat und das jahrelang. Jedes Mal, wenn er getrunken hatte, wurde er aggressiv. Und seine Trinkerei wurde immer schlimmer. Ich hatte es selbst ebenfalls durch zu hohen Alkoholkonsum verdrängt. Ich brachte es sogar fertig, mehr zu trinken, damit er das weniger trinken sollte, weil ich wusste, dass er sonst wieder so sein würde.
Wenn er aber nicht getrunken hatte, oder am nächsten Tag, war er wieder nett und lieb und entschuldigte sich und heulte mir was vor, dass es nie wieder geschehen würde usw. usw. Dass er jeden Tag ganz normal zur Arbeit ging und auch eine sehr gute Position auf einer Bank hat und in der Woche ganz normal war, war wahrscheinlich der Grund, weshalb ich so in die Falle geriet. Immer wieder hatte ich die Hoffnung, dass das alles sich wieder bessern würde. Aber es wurde nur schlimmer.
Niemand hat mich je gefragt, woher meine blauen Flecken kamen, aber ich hätte wohl wahrscheinlich auch nie die Wahrheit gesagt.
Wisst ihr, man sieht so viele Filme, man hört so viel und liest so viel über solche Dinge. Aber dass man selbst in so einem Fall sein könnte, kann man sich irgendwie einfach nicht eingestehen. Ich habe immer alles verharmlost, obwohl mir natürlich auffiel, dass er heimlich trank und es verleugnete, wenn ich ihn darauf ansprach.
Er wurde immer grausamer und als ich dann erkrankte, wurde es nur noch schlimmer. Er beschimpfte mich aufs Übelste und schlug mich noch häufiger.

Selbst jetzt noch, möchte ich niemandem erzählen, was wirklich passiert war, weil ich mich wohl schäme und ich möchte niemandem, der mich und meinen Mann kennt, solche Dinge erzählen. Da aber in letzter Zeit all diese Szenen wie ein schlechter Film immer wieder in meinem Kopf auftauchen und ich das irgendwie nicht so richtig verkraften kann, möchte ich es eben einfach mal euch erzählen. Ich habe vor zwei Tagen bei meinem Psychiater angefangen davon zu sprechen, aber es genügt nicht. Ich bin alleine mit meinen Erinnerungen.
Niemand weiss, wie es war, als er mich mit Worten wie "Drecksluder, blöde Kuh, Hure..." beschimpfte. Niemand weiss, wie es war, als er mich mitten in der Nacht schlagend aus dem Schlaf riss und mich beschimpfte und mich einfach nicht mehr in Ruhe liess. Und niemand weiss, wie es war, wenn ich mich mal dagegen wehrte, wenn ich keinen Sex mit ihm haben wollte, wie er mich dann emotional erpresste, so dass ich schliesslich doch nachgab und weil ich es nicht ertrug, mit meinem Geist aus meinem Körper ging um nichts zu spüren. Oder wie er mich an den Haaren aus dem Bett riss, vor meinem Sohn, um mir an den Kopf zu schlagen. Oder wie mein Sohn dazwischen gehen musste, dass er mich in Ruhe lassen soll.
Und noch immer schweige ich mich darüber aus, weil ich wegen der Kinder eine ruhige Scheidung hinter mich bringen möchte, ohne im Schmutz zu wühlen, weil ich auch weiss, dass er krank ist und ich Mitleid mit ihm habe, weil er es nicht erträgt, dass ich ihn verlassen habe. Und dann meint er, wie ich so hart zu ihm sein kann und sieht gar nicht ein, wie er mich behandelte. Niemand hat Mitleid mit mir, weil niemand weiss, wie es mir in all den Jahren erging. Und ich bin wohl selbst Schuld daran, ich weiss es, aber es gibt eben Dinge, die ich einfach nicht tun kann. Ich kann es ihm nicht gleichtun. Ich kann ihm nicht sein Leben ruinieren, selbst wenn er es mit mir getan hat. Das einzige, was ich noch möchte ist, dass ich von ihm weg bin und das nie wieder zu ertragen brauch.
Hätten wir keine Kinder, sagte ich ihm auch, wäre ich längst weg, ganz weit weg. Aber die Kinder hängen an ihrem Vater und ich möchte ihnen nicht den Vater wegnehmen. Und ihnen ist er eigentlich auch immer ein guter Vater gewesen. Eigentlich ist er immer zu jedem gut, er ist hilfsbereit und ist eigentlich sonst ein netter Kerl. Nur mit mir war er so. Nur mich hat er so mies behandelt, weil ich es mit mir machen liess. Ich weiss dass es meine eigene Schuld ist, ich hätte gleich am Anfang Schluss machen müssen, hätte ihn niemals heiraten dürfen, niemals Kinder mit ihm kriegen dürfen (wobei das natürlich das einzig gute überhaupt ist, was aus unserer Beziehung stammt).

Ich bin nur froh, dass ich endlich einsah, dass es so nicht weitergehen konnte, dass er sich niemals ändern wird und ich wohl auch niemals die Hoffnung hätte, irgendwann gesund zu werden. Nun möchte ich ein neues Leben anfangen, zusammen mit meinen Kindern und versuche nun, noch das beste draus zu machen. Besser spät als nie.........

Danke fürs zuhören

Joëlle

bo

Schüler

Beiträge: 110

Aktueller Therapie-Status: Keine Ahnung

Status: Sonstige

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2

Montag, 6. Juni 2005, 09:57

Liebe Joëlle,

ich hoffe du findest genügend Kraft für deine nächsten Schritte. Was du getan hast war das einzig Richtige. Nimm deinen (Ex-)Mann nicht in Schutz. Sein Verhalten dir gegenüber ist demütigend und menschenverachtend, und kein Mensch der zu solchen Dingen fähig ist kann

Zitat

"eigentlich sonst ein netter Kerl"
sein . Kein Mensch hat so eine Behandlung verdient. Soviel Meinung von mir.

Bo

3

Montag, 6. Juni 2005, 14:47

Vielen Dank Bo!

Ja, die Kraft habe ich jetzt dazu. Und ich weiss auch, dass du Recht hast, aber indem ich ihn noch manchmal in Schutz nehme, nehme ich wahrscheinlich mich selbst gerne mit in Schutz, weil ich es immerhin mit mir machen liess. Und weisst du auch, wieso? Weil ich so gross geworden bin. Ich wurde auch von meinem Vater geschlagen und beleidigt, meine ganze Kindheit hindurch und er hat mir sogar als Erwachsene noch weismachen wollen, ich hätte es so verdient gehabt. Und wenn man so gross wird, glaubt man es am Ende sogar. Da waren zwei harte Therapiejahre nötig um mir bewusst zu werden, dass ich nicht schlechter bin als andere und dass ich es genauso wenig verdient habe, wie andere. Mir wurde auf einmal bewusst, dass bei uns der Hund und die Katze besser behandelt wurden, als ich.
Und umso mehr Abstand ich dazu bekomme, umso bewusster wird mir das auch, wie menschenunwürdig ich tatsächlich behandelt wurde und das gibt mir auch die nötige Kraft, ein neues Leben anzufangen.

Vielen Dank

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